Türchen No. 21: Verantwortung. Den Wandel als Chance begreifen

Dr. Claudia Rinke über Südafrika, seine Probleme und Schönheiten und Corporate Social Responsibility

 

Wenn am 11. Juni 2010 um 16 Uhr mit dem Spiel „Südafrika gegen Mexiko” die Weltmeisterschaft in Johannesburg beginnt, wird die Welt auf Südafrika blicken. Die zuschauende Welt an den Fernsehgeräten wird eine schöne heile Fußballwelt erleben - erahnend und auch oft wissend, dass Südafrika, obwohl statistisch gesehen ein Land der so genannten Ersten Welt, noch immer mit vielen Problemen belastet ist. Apartheid, Rassentrennung, Kriminalität sind nur die augenscheinlichsten Herausforderungen, mit denen Südafrika zu kämpfen hat. 

 

Wer könnte diese Situation besser beschreiben als jemand, der selbst mehrere Jahre in Südafrika gelebt und gearbeitet hat? Dr. Claudia Rinke zum Beispiel. Über vier Jahre war sie bei den Vereinten Nationen in Südafrika als Juristin beschäftigt. Ich habe mit ihr über Südafrika, seine Probleme und Schönheiten und ihre Tätigkeit dort gesprochen. Aber in unserer Gespräch handelte auch von ihren aktuellen beruflichen Plänen. Die Juristin möchte zukünftig Unternehmen in Sachen Corporate Social Responsibility beraten, Konzepte hierfür entwickeln und diese umsetzen - bestens vorbereitet durch ihre jahrelange Tätigkeit bei den Vereinten Nationen und mit exzellenten Kontakten ausgestattet.

 

Dr. Claudia Rinke
Dr. Claudia Rinke

 

Du warst sehr erfolgreich als Juristin in einer großen Kanzlei tätig. Vor einigen Jahren hast Du diesen Job an den Nagel gehängt und bist seitdem als Juristin für die Vereinten Nationen in Südafrika tätig. Wie ist es dazu gekommen?
Meine persönlichen Werte hatten sich geändert. Ich war plötzlich sehr an Globalisierung und dem Zusammenspiel der sog. Ersten Welt mit der Dritten Welt interessiert. Mir war klar geworden, dass diesbezüglich sehr vieles aus der Balance geraten ist, was letztlich beiden “Welten” sehr schadet. Ich wollte daher für eine weltweit tätige Organisation arbeiten, die es sich zum Ziel gesetzt hat, ein faireres Miteinander zu erreichen. Das waren damals - und sind es auch immer noch - die Vereinten Nationen für mich. Auch wenn mir heute klar ist, dass die Situation sehr viel komplexer ist, als ich das ursprünglich mal angenommen habe.

 
Welche Tätigkeit hast Du für die Vereinten Nationen ausgeübt?
Ich war als Juristin für das United Nations Development Programme (UNDP) tätig und habe auch andere UN-Organisationen wie z.B. UNIFEM beraten.

 

Welches war das interessanteste Projekt, das Du in Südafrika realisiert hast?

Die Arbeit dort hat mir insgesamt sehr viel Spaß gemacht. Mein “Lieblingsprojekt” war aber eine Initiative, bei der es darum ging, Schulen - insbesondere in benachteiligten, ländlichen Regionen - mit Computern und Internetanschlüssen zu versorgen. Insgesamt bin ich mittlerweile davon überzeugt, dass die Schaffung eines möglichst breiten Zugangs zur Bildung und auch zu den neuen digitalen Kommunikationsmitteln und -netzwerken ein ausgesprochen wichtiger - wenn nicht sogar der wichtigste - Beitrag der Entwicklungszusammenarbeit ist.

 

Wie war es für Dich in den ersten Monaten in Südafrika. Hast Du einen Kulturschock erlebt?
Ich bin zuvor schon einige Male in Entwicklungsländern gewesen. Daher ist es mir verhältnismäßig leicht gefallen, mich in Südafrika einzuleben. Ich musste mich jedoch schon ein wenig, an die dort notwendigen Sicherheitsvorkehrungen gewöhnen.
Die afrikanische Kultur macht es einem hingegen sehr leicht, sich dort wohl zu fühlen. Die Menschen sind ausgesprochen freundlich und gastfreundlich.

 

Wie und wo in Südafrika hast Du gelebt?
Ich habe zwei Jahre in der Hauptstadt Pretoria gelebt und dann noch weitere zwei Jahre in Johannesburg. Diese Stadt ist das wirtschaftliche Zentrum Südafrikas und auch der Inbegriff des sog. “New South Africa”. Damit ist gemeint, dass es dort mittlerweile eine recht große und selbstbewusste, schwarze Mittel- und Oberschicht gibt. Dies ist in vielen anderen Teilen des Landes noch nicht unbedingt der Fall.

 

Was hast Du in Südafrika am meisten vermisst?
Die Bewegungsfreiheit ist in Südafrika aufgrund der Sicherheitssituation doch sehr eingeschränkt. Daher habe ich es vermisst, spazieren gehen zu können. Man bewegt sich dort vorwiegend mit dem Auto fort. Daher gibt es in den großen Städten auch kaum ein urbanes Leben, wie wir es kennen, mit Fußgängerzonen und Straßencafés und -restaurants. Das meiste spielt sich dort in sogennannten “Malls”, großen Shoggingcentern, ab.

 

Apartheid, AIDS, Townships - Südafrika ist ein Land, in dem sich die vielen Probleme des afrikanischen Kontinents bündeln. Hat sich in Deiner Wahrnehmung in der Zeit, in der Du in Südafrika lebtest, eine „Besserung” der Situation ergeben?
Das ist schwer zu sagen zu sagen. Südafrika ist ein Land das sehr im Fluss ist. Bestimmte Dinge wie z.B. die Rassentrennung - die Apartheid - bessern sich. So ist es heute für viele Kinder schon selbstverständlich, Freunde von einer anderen Hautfarbe zu haben. Dies ist in der Generation der Eltern noch lange nicht normal. Statistiken belegen, dass bisher circa 70 Prozent der Südafrikaner noch keine Mahlzeit mit einem Menschen anderer Hautfarbe geteilt haben.
Andere Probleme wie z.B. die Situation rund um „HIV/Aids” verschlimmern sich. Mittlerweile ist jeder dritte Südafrikaner HIV infiziert, was in der Zukunft dieses Land vor noch sehr viel größere Probleme stellen wird. So gibt es bereits jetzt viele Waisenkinder, deren Eltern an AIDS verstorben sind.
Bewundernswert ist aber insgesamt die Fähigkeit der Südafrikaner mit Problemen umzugehen und alles von der positiven Seite zu sehen. Diese Fähigkeit - gepaart mit einer großen Lust am Unternehmertum - ist die größte Triebkraft Südafrikas. Daher gibt es sehr viel Hoffnung, dass die Probleme auf längere Sicht gesehen, immer weniger werden.

 
Welches sind die Seiten an Südafrika und deren Menschen, die Du liebst?
Südafrika ist ein wunderschönes Land mit endlosen, beeindruckenden Landschaften und offenen, warmherzigen Menschen. Man muss dieses Land einfach lieben.

 
Welche sind weniger schöne Seiten Südafrikas, und wie könnten wir sie nachhaltig ändern?
Die Kriminalität - insbesondere die hohe Zahl an Gewaltverbrechen - hat Südafrika im Moment leider ziemlich im Würgegriff. Bessere und effektivere Strafverfolgungs-mechanismen sowie eine Bekämpfung der Armut könnten diesbezüglich eine Verbesserung bringen. Die großen sozialen Unterschiede sind insgesamt ein großes Problem. Die Armut ist oft erschütternd. So gibt es immer noch viele Menschen, die in Wellblechhütten ohne Wasser und Strom leben.

 

In einem halben Jahr, wenn die Fußballweltmeisterschaft beginnt, wird die ganze Welt auf Südafrika blicken. Dann wird Südafrika in ein bestimmtes Licht gerückt, positiv inszeniert. Was wünschst Du Dir, welche realeren Seiten von Südafrika sollten ebenfalls gezeigt werden?
Die Besucher der Fußballweltmeisterschaft werden diese realen Seiten unweigerlich kennen lernen. Dazu liegen die schönen und die weniger schönen Seiten Südafrikas einfach zu dicht nebeneinander. Man muss nicht unbedingt in ein Township gehen, um die Armut zu sehen. Auch in den Innenstädten wird diese schon offensichtlich.

 
Südafrika ist…
trotz aller Probleme wunderschön - insbesondere der weite, offene Himmel….

 

Neben Deiner Tätigkeit als Juristin bist Du außerdem als freie Journalistin tätig und hast über so aufwühlende Themen wie Genitalverstümmelungen von Frauen und Kindersoldaten geschrieben. Was willst Du mit Deinen journalistischen Beiträgen erreichen?
Ich porträtiere sehr gerne Menschen, die sich - entgegen aller Schwierigkeiten - für eine Sache einsetzen. So habe ich auch das Thema „Genitalverstümmelung” anhand der Geschichte von Waris Dirie dargestellt, deren Leben ja nun auch verfilmt wurde. Ich finde es wichtig, dass sich insbesondere Jugendliche Vorbilder (auch) aus diesen Bereichen suchen und sich nicht nur an Popstars und Fußballspielern orientieren.

 

Seit einigen Monaten bist wieder hier in Deutschland und planst ein Unternehmen zu gründen, das NGOs und Unternehmen in Sachen Corporate Social Responsibility berät. Kannst Du näheres dazu sagen?
Unsere Welt ist sehr im Wandel und es arbeiten immer mehr Organisationen der Zivilgesellschaft (NGOs) und auch Unternehmen (im Rahmen der sog. „Corporate Social Responsibility”) daran, diesen Wandel positiv zu gestalten. Diesen positiven Wandlungsprozess möchte ich unterstützen und den entsprechenden Akteuren Beratungsleistungen wie Fundraising, Projektauswahl- und management sowie Public Relations anbieten.

 

Was ist Corporate Social Responsibility für Dich, und gibt es ein Rezept für „gute” Corporate Social Responsibility-Aktivitäten?
Bei Corporate Social Responsibility geht es darum, dass Unternehmen einen Teil ihrer Erlöse aber auch z.B. personelle Ressourcen dafür einsetzen, soziale oder auch gesellschaftliche Ziele zu erreichen. So engagieren sich eine Vielzahl von Unternehmen im kulturellen Bereich oder auch im Umweltschutz. Gute Corporate Social Responsibility Projekte führen zu einer „Win-Win” Situation für alle Projektpartner. Den Unternehmen geht es natürlich auch darum, möglichst einen Imagegewinn aus den sozialen Aktivitäten zu erzielen. Für die Projektpartner steht die Nachhaltigkeit der Unterstützung im Vordergrund. Gut sind daher Projekte, die über den Förderzeitraum hinaus einen entsprechenden positiven Effekt für alle Partner erzielen.

 

Und wie wirst Du Weihnachten und Sylvester verbringen?
Mit Freunden.

 

Was wünschst Du Dir zu Weihnachten?
Wärme… (letztes Jahr habe ich Weihnachten noch unter Palmen und am Pool verbracht.)


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