Viktoria, Oranje und warum die Fussball-WM nicht vor die Hunde…
16. Juni 2010 von Frauke Baldrich-Bruemmer | kein Kommentar
… sondern auf den Hund gekommen ist
Satirisches von Schriftstellerin und Poetry Slammerin Frauke Baldrich-Brümmer
Fußball und ich haben früher nie so richtig zusammengepasst.
Es begann im Jahr 1966. Deutschland und England standen sich im Finale der Weltmeisterschaft gegenüber. Ich war damals neun Jahre alt. Wir schauten uns das Spiel zusammen mit meinem Großvater an. Und ich war damals für die Engländer. Der Grund dafür war folgender: Ein Spieler der englischen Nationalmannschaft hatte in einem Interview verlauten lassen, er würde im Falle eines Sieges seine Tochter, die in wenigen Tagen das Licht der Welt erblicken sollte, Victoria nennen. Ich fand den Namen so toll, dass ich bei den Toren der Engländer brüllte und jubelte. Meine Eltern schlossen die Fenster und die Terrassentür. Mein Vater drohte mit Taschengeld und Stubenarrest, doch ich brüllte weiter. Nach dem Spiel, das die Engländer gewannen, holte ich meine Puppe Maike und taufte sie auf Victoria um. Zum Entsetzen meiner Eltern spielte ich dann mit dem Nachbarsjungen Johannes noch drei Wochen lang eine Art Theaterstück, in dem er als stolzer Engländer zu seiner Frau (das war ich )ins Krankenhaus marschierte, um die neugeborene Victoria zu sehen Wir hatten uns auch einen kleinen Dialog dazu ausgedacht.
Johannes: Oh, Darling, ist sie das?
Ich: Ja, Darling , das ist unsere Tochter!
Johannes: Darling, sie ist beautiful. Und sie wird Victoria heißen. Denn wir sind Weltmeister! Wir haben die Deutschen 3: 1 geschlagen!
Mehrere Nachbarn sprachen damals nicht mehr mit meinen Eltern. Johannes wurde mit einem Fahrrad bestochen, dass er eigentlich erst zum Geburtstag erhalten sollte und nun schon vorher bekam. Er spielte nicht mehr mit.
Dann kam die Weltmeisterschaft 1970 heran. Deutschland spielte um den drittem Platz gegen Italien. Wir waren mittlerweile umgezogen. Am Vormittag des Spiels (diesmal wollte mein Vater, der gerade Urlaub hatte, es zusammen mit Kollegen bei uns gucken) nahm mich dieser nochmals ins Gebet. Als ein von einem Deutschen gezeugtes Kind, welches in Deutschland lebte, sollte ich gefälligst für unsere Jungs sein oder mich völlig raushalten, aber keinesfalls Sympathien für die Italiener zeigen. Ich sagte meinem Vater, das beste wäre sicher, wenn ich gar nicht zugucken würde. Das fand er auch und fragte, ob ich etwas vorhabe? Ich sagte ihm, dass ich gerne mit meiner Freundin Katrin ins Kino gehen würde, aber leider sei mein Taschengeld alle. Mein Vater gab mir einen Zwanzigmarkschein und sagte mir, ich dürfe gerne den ganzen Tag lang fortbleiben. Gegen 15.00 brach ich auf. Meine Freundin Katrin, die ein knappes Jahr älter war als ich, also schon 14, hatte einen, wie sie sagte, tollen Jungen kennengelernt und mit dem und dessen Freund wollten wir etwas unternehmen. Katrin durfte nicht Fußball gucken, weil ihr Vater Bundesrichter und Fußball ein Proletensport war. Mein Vater war zwar auch Jurist, aber er sagte immer, Boxen sei noch schlimmer und sah sich zumindest die Europa- und die Weltmeisterschaften an.
Die beiden Jungs, die Katrin anschleppte, mochten auch keinen Fußball sondern spielten Tennis. Sie unterschieden sich vor allem darin, dass der eine mehr Pickel und der andere abstehende Ohren hatte. Ich kriegte den mit den Segelohren und bekam an diesem Tag den ersten Kuss meines Lebens. Ich schwor mir, dass es auch der letzte bleiben sollte, denn ich hatte selten etwas so Glitschiges erlebt.
Dann kam die WM 1974. Ich war mit meiner Mutter im Urlaub im Harz. Dort hatten wir Holländer kennengelernt, jeder einen. Meine Mutter einen Antiquitätenhändler aus Amsterdam und ich einen jungen Studenten aus Den Haag. Die Ehe meiner Eltern war schon ziemlich im Eimer. Meine Mutter gestand mir eines Abends zwischen Schluchzen und Kichern, der Amsterdamer habe sie Wange an Wange mit ihr getanzt. Papa dürfe um Himmelswillen aber nichts davon erfahren. Ich sagte ihr, der Den Haager habe mir unter den Pulli gegriffen und einen Zungenkuss gegeben, der nicht glitschig gewesen sei. Wir schworen einander, dass alles unter uns bleiben müsse. Meine Mutter hatte mir gestanden, dass ihr Herz heute eindeutig für die Niederlande schlug. Ich fühlte wie sie. Wir sahen die Weltmeisterschaft in unserem Hotelappartement im Fernsehen an. Die beiden Holländer waren bei uns. Mein Vater rief bei jedem Tor für Deutschland an. Meine Mutter bekam jedes Mal einen halben Herzinfarkt. Später, als draußen alles jubelte, trösteten wir die Holländer, die am nächsten Tag abreisen mussten.
Von da an wurden meine Weltmeisterschaften langweiliger. Ich verlor das Interesse am Fußball.
Doch dieses Jahr könnte es besser werden. Wir haben nämlich seit drei Wochen einen Hund. Und Cooper hat das Ergebnis bei der WM beim Spiel Südafrika-Mexiko vorausgebellt. Mein Sohn hat den Hund gefragt: „Na, Cooper, wie geht’s aus?” „Hau-Hau!”, hat der Hund prompt gebellt. „Eins zu eins, okay, Hund!”, hat mein Sohn gesagt und gefragt. „Und wie sieht es mit Uruguay gegen Frankreich aus?” Der Hund hat die Schnauze gehalten. „Also, Null zu Null!”, hat mein Sohn gemeint. Drei Freunde von ihm haben alles mitbekommen.
Und da der Hund bei beiden Spielen tormäßig absolut richtig lag - auch das unglaubliche 4:0 gegen Australien hat er so vorausgebellt -, ist nun ein absoluter Run auf ihn losgegangen. Er soll das Spiel Deutschland gegen Serbien vorausbellen und dann als Maskottchen mit in die Kneipe kommen. Sie haben ihm schon Leckerlis ohne Ende gekauft und ein schwarz-rot-goldenes Halsband. Und einen Trinknapf mit einem Fußball drauf.
Und einen Knochen, der halb so groß wie der Hund ist.
Wir trainieren den Hund fieberhaft. Er soll zudem auch noch die Nationalhymne mitbellen. Die ersten Takte kann er schon. Er sieht dazu absolut feierlich aus, macht Sitz und winkt mit der Pfote. Mein Sohn sagt, er belle bereits besser, als die deutschen Spieler mitsingen täten.
Frauke Baldrich-Brümmer
(geboren 1956) ist seit 1996 als freie Autorin mit den Arbeitsschwerpunkten: Lyrik, Kurzprosa, Slam-Poetry, Kabarett, Geschichten für Kinder und Jugendliche tätig. Daneben bietet sie Schreibworkshops für Schüler und Erwachsene, Schullesungen, Autorenpatenschaften an. Seit 2005 betreibt sie den „Sal(l)on 17 Literatur zum Wohnfühlen mit Workshops und Lesungen. Frauke gewann 1998 den zweiten Inge-Czernik-Förderpreis für Lyrik, 2003 den Slam and Lounge in Hannover, 2004 die Dichterschlacht Hannover/Braunschweig mit ihrer Gruppe. Ihr Gedichtband „Wörtlich bestäubt” erschien 2006 im Geest-Verlag. Im November 2008 erschienen die “Geschichten von Trulla. Eine City-Single-Frau sucht den Akademiker fürs Leben” im Verlag Monika Fuchs. Seit Dezember 2009 ist sie als freie Mitarbeiterin beim Satiremagazin “Eulenspiegel” tätig. Frauke Baldrich-Brümmer gibt zahlreiche Lesungen und ist hat ein eigenes Kabarett-Programm entwickelt. Sie ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller in Niedersachsen und Bremen.
Mehr über Frauke Baldrich-Brümmer: www.sallon17.de
Fotos: Fussball © wolfgang glöckl - Fotolia.com, Porträt Frauke Baldrich-Brümmer: Privat
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