Türchen No. 24: Gut gemeinsam (Über-)Leben mit dem Stigma

Der Aidskranke und 1. Vorsitzendes des Vereins Lazaruslegion - Christenbeistand für Aidskranke und HIV-Infizierte Wolfgang Ester

 

 

An diesen Krankentransport im Jahr 1991 wird Wolfgang Ester sein Leben lang erinnern, weil er sein Leben veränderte: An diesem Tag sollte ein Aidskranker „umgebettet”, in ein anderes Krankenhaus gebracht werden. Krankenpfleger Ester war selbstverständlich zur Stelle und begleitete den Patienten. Dann passierte es: Während der Fahrt begann der Erkrankte, Blut zu erbrechen. Weil er ständig Handschuhe trug, litt Ester an einer Pergamenthaut mit kleinen aufgerissenen Wunden. „Drei Monate später hatte ich die Quittung: Ich war HIV positiv”, erzählt Wolfgang Ester, und 18 Jahre später kann er eigentlich normal darüber reden. Das kommt nicht von ungefähr: Wolfgang Ester spricht über seine Erkrankung. Offensiv. Er teilt sie mit. Das erleichtert vermutlich. Und macht es wiederum anderen leichter, sich ebenfalls mitzuteilen. Leid zu teilen, Perspektiven zu finden.

 

Wolfgang Ester

Wolfgang Ester

„Als bei mir 1991 festgestellt wurde, dass ich HIV-positiv bin, kam Aids fast noch einem Todesurteil gleich. Und toleriert war ich als „homosexueller Positiver” (Wolfgang lebt seit 20 Jahren in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft) schon gar nicht und wurde wie ein Aussätziger behandelt. „Im Beruf musste ich schon hart kämpfen. Als ich 1997 erkrankte - und zwar so schwer, dass ich neun Monate im Krankenhaus verbringen musste - wurde ich mit 35 Jahren zwangsberentet. Das war schon alles sehr unerfreulich”, berichtet Ester und ergänzt: „Zum Glück habe ich Familie, Freunde und auch Nachbarn, die voll hinter mir stehen. Das gibt mir sehr viel Kraft.” Doch dieses soziale Netz haben nicht viele HIV-positive oder gar HIV-erkrankte Menschen. „Die meisten Menschen verlieren auch heute noch ihr komplettes soziales Umfeld, sobald bekannt wird, dass sie das HI-Virus in sich tragen, werden aus ihren Jobs gemobbt, Freunde und Verwandte entfernen sich - und zusätzlich müssen sie mit ihrer Diagnose klar kommen”, erklärt Ester. „Insbesondere nach meiner schweren Erkrankung haben mein Partner und ich nach einem Auffangbecken, nach einer Plattform, gesucht, wo man sich austauschen kann.”

 

Die Lazaruslegion - ein zweites Zuhause unter Gleichgesinnten
Diese Plattform hat Wolfgang Ester im Verein Lazaruslegion, dem christlichen Beistand für Aidskranke und HIV-Infizierte, gefunden und ist bereits fast genauso lange ihr erster Vorsitzender. Die drei Zimmerwohnung in der Podbielskistraße 57 ist in der Woche den ganzen Tag über von 9 Uhr bis 17.30 Uhr für jedermann offen. Ohne einen Termin kann jeder mal unverbindlich auf einen Kaffee vorbeikommen. Damit unterscheidet sich die Lazaruslegion eindeutig von der Aidshilfe, die nur mit Terminen arbeitet. „Selbstverständlich arbeiten wir mit der Aidshilfe und vielen weiteren Organisationen und Menschen, die sich hier in der Region dem Thema Aids angenommen haben, zusammen”, versichert Wolfgang Ester. Aber die Lazaruslegion zeichnet das Persönliche aus. Die Wohnung ist Treffpunkt, wird für viele zur zweiten Heimat, einem Hafen, in dem sie sich wohl fühlen und unter Gleichen austauschen können, Perspektiven finden, Anregungen erhalten.

 

Zum Beispiel, wie man sich als HIV-Positiver gut ernährt. Aufgrund der Medikamente, die Träger nehmen müssen, um den Ausbruch von Aids zu verhindern, leiden einige Positive an Fettverteilungsstörungen, der man mit einer bestimmten Ernährung entgegenwirken kann. Auch in anderer Hinsicht wird pragmatische Hilfestellung geleistet: selbstverständlich gibt es psychologische Unterstützung, aber auch Behördengänge werden begleitet, Kontakt zu einer Schuldnerberatung hergestellt. Ester dazu: „Viele HIV-Infizierte reagieren erst einmal mit einem „Nach-mir-die-Sintflut Denken”, und stellen dann aber fest, dass sie ja doch länger leben als gedacht. Da muss dann oft ein Weg aus den Schulden gefunden werden.”

 
Aids ist keine Schwulenkrankheit”
Denn der Ausbruch von Aids kann heute relativ gut mit Medikamenten eingedämmt werden. Was aber nicht heißt, dass Aids keine tödliche Erkrankung mehr ist. „Im vergangenen Jahr 2008 mussten wir 18 Menschen beerdigen. Wir sind phasenweise gar nicht mehr aus dem schwarzen Anzug herausgekommen”, erzählt Ester. Er findet die „Aidsmüdigkeit” und die Unaufgeklärtheit, die insbesondere bei vielen jungen Menschen vorherrscht, äußerst bedenklich. „Aids ist noch wie vor eine sehr gefährliche Krankheit. Das Virus ist mutiert, hat aggressive Varianten, die zum Teil resistent gegenüber den jetzigen Medikamenten sind. Wer sich mit dieser aggressive Variante von Aids infiziert, hat oft keine Chance auf Heilung und stirbt leider rasch,” weiß Ester und räumt mit weiteren Vorurteilen auf: „Aids ist keine Schwulenkrankheit. Über 80 Prozent der an Aids erkrankten Menschen sind hetero. Und es sollte klar sein, dass es dem Virus egal ist, ob Du Greiser bist oder Kind, ob Du homosexuell bist oder hetero, ob Du arm bist oder reich. Aids kann jeden treffen. Auch dass die Zahl der an mit dem HI-Virus neu infizierten Menschen abnimmt, stimmt so nicht: in den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Menschen, die sich mit dem HI-Virus infiziert haben, um 80 Prozent zugenommen.”

 

Seelischen Beistand zu leisten und christliche Nächstenliebe einfach zu praktizieren ist das Hauptanliegen des Vereins Lazarus e. V, über 100 Menschen frequentieren die Angebote derzeit regelmäßig; etwa 500 Menschen nehmen gelegentlich Beratungs- oder Selbsthilfeangebote in Anspruch. Neben gemeinsamem Kochen stehen Sport, ein offenes und ein „Positiven”-Frühstück”, die Frauengruppe „ungeschminkt” und diverse weitere Aktivitäten auf dem Programm. Selbstverständlich auch an Weihnachten. „An Heiligabend treffen wir uns ab 15 Uhr, trinken zusammen Kaffee, machen Bescherung und abends gibt es traditionell einen Kartoffelsalat mit Würstchen, den wir am Tag zuvor zusammen vorbereitet haben. Zu dieser Weihnachtsfeier kommen meistens um die 30 Menschen. Viele von ihnen würden Weihnachten allein verbringen.”

 

Zur Geschichte des Vereins Lazaruslegion e.V.
Erschüttert sah der Hannoveraner Altkatholik-Pfarrer Daniel Conklin im Jahr 1987 einen Dokumentarfilm, in dem ein neunjähriger an Aids erkrankter Junge gezwungen wurde, seine Schule zu verlassen, weil Schulleitung und Eltern Angst vor der Krankheit hatten. Conklin erinnerte sich an den Aussätzigen Lazarus, der vom Tisch der Reichen lebt, die ihn aus Nächstenliebe versorgen, und gründete kurzentschlossen den Verein Lazaruslegion, die „christliche Antwort auf Aids” - und das zu einem Zeitpunkt, an dem Aids in der Kirche als „gerechte Strafe Gottes” bezeichnet wurde. Der Verein Lazaruslegion e.V hat sich in Hannover als feste Größe im Kampf gegen Aids etabliert und kooperiert hierbei mit vielen weiteren Organisationen, u. a. der Aidshilfe.

 

Bitte unterstützen Sie den Verein mit einer Spende:
Kontoinhaber:
Förderkreis der Lazaruslegion e.V.
Konto-Nummer: 617 407
Bankleitzahl: 520 604 10
Kreditinstitut: Evangelische Kreditgenossenschaft eG

 

Weitere Informationen zum Verein Lazaruslegion e.V.
www.lazaruslegion-hannover.de

 

Herzlichen Dank an Ludger Brenner, der ehrenamtlich als Pressesprecher für die Lazaruslegion tätig ist und das Interview ermöglicht hat!


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  1. 1. Einkaufen-in-Tuttlingen

    Pingback vom 24. Dezember 2009 um 08:59

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