Türchen No. 6: Berauschtes Rendezvous

Der angehende “Bestseller-Autor” Horst Stengel über eine heiße Nacht

 

Zugegeben, hinter diesem Türchen wartet eine Romanfigur. Aber bei einem Nikolaustürchen kann man auch mal den realen Boden verlassen und sich auf fantastistisches Terrain begeben.

 

Der Name der Figur: Horst Stengel. Programm-namatisch gesehen lässt das auf einiges hoffen. Horst, so heißen Helden, Drachenbezwinger, Superagenten, clevere Komissare, Gigolos und Cassanovas, Popstars, Erfolgsunternehmer. Der Name steht für pures positives Karma. Und genau so ist es auch um diese Romanfigur Horst Stengel bestellt. Horst ist Poetry Slammer und Bestsellerautor. Fast zumindest. Ob er es schafft, tatsächlich zum Bestseller-Autor zu avancieren, davon spricht der aktuelle Roman “Bestseller” meines Mannes Michael Bresser Bände.

 

Die folgende Szene stammt aus diesem Roman und handelt vom ersten Date mit Schriftstellerkollegin Antje, in die Horst verliebt ist. Meiner völlig befangenen Meinung nach ist diese Szene grandios und macht hoffentlich Lust darauf, das Buch zu lesen… Viel Spaß! Und jetzt geht´s los:        

 

Der Roman "Bestseller"

Der Roman "Bestseller"

»Bist du experimentierfreudig? Willst du neue Sichtweisen des Lebens kennen lernen?», fragt Antje verschwörerisch. Was soll denn dasß Ich schaue erstaunt. Sie geht zum CD-Schrank und legt “A saucer full of secrets” von Pink Floyd auf. Ein wenig antiquierte Mucke, aber schön. Chillt. »Schon mal auf einem Trip gewesen? Hast du dich schon einmal komplett gehen lassen? Die Spur der Erkenntnis verfolgt wie ein indischer Yogi?»Meine Seele steht eher am Anfang der Erleuchtung. Eher Taschenlampe als Atomreaktor. Andi (Anm: Horsts bester Freund) ist da wesentlich experimentierfreudiger. Manchmal beschleicht mich allerdings der Eindruck, dass er mit Hilfe diverser Substanzen in den Ferrari Richtung Weltflucht steigt. Mit genug Chemie in der Blutbahn wirkt die Vernissage in Buxtehude-Pannasberg wie die Weltausstellung in London. Ich selber habe früher oft gekifft. Hat mich träge gemacht, war aber nett. Alle Gedanken über triste Gegenwart und schwarze Zukunft werden von süßen Rauchschwaden bunt gefärbt. Leider bleibt am nächsten Tag meist der räudige Blueskater, der seine Krallen rachelustig an deinen Gehirnwindungen wetzt. Aber warum nicht.

 

»Ich erweitere ständig meinen Horizont», gebe ich an. »An was denkst du?»
Aus Ihrem Schreibtisch holt sie zwei kleine Pillen hervor.
»Lysergsäurediethylamid, das Ticket zum Reich der Götter, jedes Mal anders, abenteuerlich bunt wie ein I-Max Kino, das Manna der Neuzeit», schwärmt sie wie ein Drogendealer. »Gönne ich mir auch ab und an», schwindele ich. Mulmig wird mir schon. Unter Drogen verlierst du die Kontrolle. Hoffentlich mache ich keinen Blödsinn. Einmal war ich so bekifft, dass ich vor den Augen meiner neuen Flamme mitten ins Zimmer pinkeln wollte. Als ich nüchtern war, wäre ich am liebsten vor Scham im Boden versunken. Sie hat auch wenig später aus fadenscheinigen Gründen unsere Beziehung beendet. Meine Vorsicht ist also berechtigt. Doch Antje wird ihre Erfahrungen gemacht haben, warum zerbreche ich mir den Kopf.

 
Wir schlucken die Mikros und spülen mit Bier nach. Schweigen. Schauen uns an. Nach gefühlten Stunden merke ich noch immer nichts. Nur die Musik wabert durch den Raum.

 

»Ich sehe dein wahres Ich», meint Antje. »Deine DNA ist wunderschön. Wow. Grüne Spiralen, die sich ins Unendliche drehen. Und deine Aura. An manchen Stellen etwas staubig, aber außen strahlend blau wie ein wertvolles Bild, das lange auf dem Dachboden auf Entdecken gewartet hat. Du bist ein Schatz, Sweetheart.»

 

»Mir gefallen deine Brüste, zarte Knospen auf den welligen Hügeln. Ich kann durch deine Kleidung sehen, ist vollkommen abgefahren», rede ich, als hätte ich Quatschwasser genascht.
Antje bewegt sich, als wolle sie sich ausziehen. Seltsam, sie ist doch nackt. Aber ihre Farbe ändert sich. Das milchige Weiß ihrer Haut transformiert sich zu einem sanften Rot. Sie erscheint viel größer als vorher, bestimmt ein Meter neunzig.

 

»Komm zu Mama, Baby», tönt es wie von einem roten Chor. Ich kann die Schallwellen sehen, wie sie aus ihrem Mund dringen, sich verwirbeln und wie Pfeile auf meine Ohren treffen. Strange, dass ich auch meine Ohren sehen kann.

 

»Greif zu, die Chance bietet sich nicht oft», erzählt auf einmal der afrikanische Häuptling mit dem Riesenständer. Ist eigentlich aus Holz, dachte ich, jetzt sieht er aber wie ein Mensch aus.

 

»Hörst du die Figur sprechen?», frage ich Antje, die mittlerweile auf Normalgröße geschrumpft ist. Dafür sieht sie noch viel besser als normal aus. Normal, was ist normal auf dieser Welt? Tausend Gedanken schießen durch meinen Kopf. Ein Overflow an Kreativität. Möchte gleichzeitig an meinem Schreibtisch sitzen, all die tollen Geistesblitze in die Tastatur hacken und Antje lieben.

 

»Sweety, ich hör sie auch», singen zehn Antjes, die auch auf dem Sofa vor mir sitzen. »Wir erleben eine Kommunion des Geistes. Wir teilen unsere Wahrnehmung, werden eins.»

 

Mit unsicheren Schritten wanke ich zum Sofa. Welche Antje ist die Richtige? Hände betasten meinen Körper, wandern unter mein Shirt. Ich orte sie von der Antje rechts. Auf einmal verschwinden die vielen Frauen und ich sehe gar nichts mehr. Ich bin in einem dunklen Raum, spüre nur noch, bin reines Gefühl, die Essenz des Lebens. Meine Hände tasten auch, fühlen dünnen Schweiß auf nackter Haut. Ab und an dringen orangene Pink-Floyd-Klänge durch meine Haut. Laben mich, tun mir gut. »Sweety», dringt Antjes Stimme wie euphorisierender Zucker durch die Augen in meinen Körper. »Lass unsere Körper verschmelzen.»

 

Antje ist wieder aufgetaucht. Zumindest ihre Hände, die an Materie gewinnen. Irgendwie sieht sie luftig und plastisch zugleich aus. Ich komme da nicht mehr mit. Erinnert mich an die indische Göttin Shatki, die ich mal in einem Buch gesehen habe. Erstaunlicherweise kann ich nicht richtig nach ihr greifen. Bin auch mehr Luft als Fleisch. Ich versuche sie zu berühren, zu liebkosen. Meine Hände greifen in ihr Inneres. Verwöhnen ihr Herz, ihre deutlich vor mir pulsierenden Energiezentren mit Zärtlichkeiten. Auch sie greift in mich und holt mein pumpendes Herz aus meinem Körper. Tut nicht weh. Sie küsst es, streichelt es und kuschelt ihren Kopf an ihm, dann legt sie es wieder zurück.

 

Der Medizinmann steht neben uns. Eigentlich mag ich keine Zuschauer beim Sex, aber er ist ein alter Vertrauter, fast ein Teil von mir.

 

»Lasst eurer Liebe Flügel wachsen, werdet eins», spricht er in Kisuaheli, das ich auf einmal besser verstehe als meine Muttersprache.

 

Mein Penis wächst, wächst, wächst. Antje nimmt ihn in den Mund, die Höhle des Garten Edens. Wie schafft sie das nur.

 

»Ich liebe dich», schallt es aus ihren Poren, aus denen blaue Dampfkringel aufsteigen. Ist das spacig.
»Ich liebe dich noch mehr», fühle ich Verbundenheit wie noch nie in meinem Leben. Seltsam, so was habe ich Bea nie gesagt. Eigentlich ein Beziehungskiller, aber im Moment ist uns alles egal. Ist das die Vereinigung von Alpha und Omega, verbindet sich mein Universum mit dem großen Weltenraum?

 

Antje gibt meinen Schwanz frei, der nach Vereinigung giert. Liebevoll lege ich meinen anderen Teil auf den Boden, blicke in ihre Augen, die meine sind, schaue in die Tiefe ihrer Möse und beginne sie zu ficken. Wir sind eins, eins mit uns, eins mit der Welt. Dass Antje nicht wie Bea stöhnt, sondern Arien singt, beflügelt mich. Schwerelos bewege ich mich auf und ab, bin nur noch Lust.

 

»Ich weiß ein Mittel, dass dir, mein Schätzchen, wenn du fein fromm bist, Heilung verschafft», jubiliert meine Geliebte. Ich weiß, dass die Worte aus Don Giovanni stammen, obwohl ich die Oper noch nie gehört habe. Ich bin mir ein einziger Mystizismus. Lust und Körper sind eins. Hab noch nie gespürt, dass meine Zehennägel und meine Haare gleichzeitig erregt sind. Um uns herum das Weltall. Planeten und Sterne kreisen, kichern und erneuern sich. Unsere Lustkurve erreicht ihren Höhepunkt, drängt auf Erfüllung. Der schwarze Mann schwebt mit Speer und Tigerfell bekleidet neben uns.
»Lasst euch gehen, jetzt ist der Moment gekommen, der die Welt verändern wird.»

 

Ich komme, sie kommt, wir kommen. Gewaltig und schwappen Wellen ungezügelter Lust durch unsere Leiber. Liebe vermischt die Flüssigkeiten unserer Körper, hebt die Grenzen unserer Existenzen auf. Antjes Arien transformieren zum Urschrei.

 

»Wollte nicht stören», schwebt ein kleiner Junge mit Nickelbrille und Kordjacke neben uns »Soll ich für euch mitkochen?»
»Heilung, Heilung», singt Antje. »Lasst uns mit den Speisen eins werden», grölt es aus meiner restlos befriedigten Haut.
»Ihr seid ja vollkommen schräg drauf», echot die Nickelbrille und setzt sich Richtung Mond ab. Wir zerfließen in Wohlgefühl.

(Auszug aus: “Bestseller” von Michael Bresser) 

“Bestseller” kann hier bestellt werden: Bestellung bei Amazon


2 Kommentare und 2 Trackbacks/Pingbacks

  1. 1. Anu Geppert

    Kommentar vom 6. Dezember 2009 um 14:32

    wow, was für eine lebendige und fantasievolle Sprache. Ich bin voll begeistert. Ich werde über Weihnachten ein Buch von Michael lesen.
    Was für ein Buch empfiehlst du mir Steffi?

    Einen schönen 2. Advent für euch alle Drei.

    Anu

  2. 2. Stephanie Ristig-Bresser

    Kommentar vom 6. Dezember 2009 um 18:19

    Hi Anu,
    ich glaube, dass Dir der Bestseller am besten gefallen wird. Obwohl die Münsterland-Krimis genauso abgedreht sind. Aber ich bin ja auch befangen ;-)
    Schönen zweiten Adventssonntag und liebe Grüße an Thomas und Klein-Frida
    Steffi.

  3. [...] auch jede Menge. Bücher und Gutscheine für dies und das. Denn Meister Nikolaus hat den Leser des Kulissenblog-Adventskalenders nicht [...]

  4. [...] No. 7), Ilona (Türchen No. 2), Susanne (Türchen No. 18) , Ludger (Türchen No. 15) und Michael (Türchen No. 6)! Es hat riesig Spaß gemacht zu antworten. Und jetzt geht´s auch gleich los mit dem [...]

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