Trulla und die Walpurgisnacht

Ja, heute nicht nur Tanz in den Mai, im Harz wird die Walpurgisnacht gefeiert. Die Hexen und Teufel  lassen die Sau raus, tanzen ums Feuer, bevor um Mitternacht der Spuk vorbei ist und die Maienkönigin aufersteht. Und - wie feiern Sie so? Und: Wie wohl Frauke Baldrich-Brümmers Heldin Trulla (die City-Single-Frau, die den Akademiker fürs Leben sucht und über die Frauke ganze Bücher zu schreiben weiß) die Walpurgisnacht feiert? Lesen Sie hier:

 

 

Brockenhexe

Brockenhexe

„Der Puder ist so wie der Rock für alt und graue Weibchen, drum sitz ich nackt auf meinem Bock und zeig’ ein derbes Leibchen!”Genauso schallte es aus mir aus meinem Telefon entgegen. Es war die Stimme meiner Freundin Trulla, die da deklamierend an mein Ohr drang. Es war gerade mal sieben Uhr in der Frühe. Ich hatte noch keinen Kaffee getrunken. Dafür aber hatte ich zwei überbeanspruchte Ohren. In das eine trötete Trulla und in das andere schrie mein Freund, der wissen wollte, wo seine neuen Jeans seien. „Im Trockner!”, sagte ich, was er mit einem gemurmelten „Aha”, und Trulla mit einem gezischten: „Hast Du nichts anderes im Kopf als Deine Wäsche?” quittierte. Ich fragte Trulla, wieso sie Bock auf Leibchen hätte. Trulla sagte, das sei von Goethe. Aus dem Walpurgisnachtstraum. Den hätte sie heute morgen schon gelesen, so gegen sechs, da hätten die Sonnenstrahlen sie aus dem Bett gefegt. Ich sagte, ich hätte heute morgen auch schon was gelesen. Die Bedienungsanleitung vom Trockner. Wegen des Flusensiebs. Trulla sagte, ich sei der kulturelle Untergang des Abendlandes. Aber egal, sie habe ein geniale Idee. Sie wolle eine Walpurgisnacht veranstalten. Traditionell zum 30. April, wegen matriarchalischer Gesellschaftskulturen, wegen der Hexen und zu Ehren der heiligen Walburga. Das Ganze solle bei „Grieche sucht Grieche”, ihrer akademischen Partnersuchagentur, stattfinden, wo sie ja dem Festausschuss vorsitzen täte. Die Frauen sollten als Hexen kommen, die Männer als Teufel oder aber auch als Kobolde. Es würde ein Feuer geben, um das auch getanzt werden dürfe. Und ein Büffet und es würde gegrillt. Ich solle unbedingt kommen, als Gast. Und meinen Freund solle ich auch mitbringen. Beziehungsweise nicht unbedingt ihn, aber einen Beitrag von ihm zum Büffet: seinen sagenhaften Kartoffelsalat zum Beispiel.

 
Die Idee, mich als Hexe zu verkleiden, gefiel mir sehr. Mein Freund aber sagte, er würde da keinesfalls mitkommen. Er hasst Verkleidungen, aber er versprach, seinen Salat zu machen.

 

Nur- dazu kam es leider nicht. Am 30. April lag er mit einer Grippe flach. Ich wollte bei Trulla absagen, weil ich ihn nicht alleine lassen mochte. Schließlich fieberte er und ich wollte ihm mit Halswickeln, Brustwickeln,Wadenwickeln, wechselwarmen Abreibungen, Hühnerbrühe, Vorlesen und Vorsingen verwöhnen. Doch mein Freund bat mich inständig, ihn einfach auf der Couch vor dem Fernseher liegen zu lassen, nicht ständig anzufassen und die schöne Suppe wollte er auch nicht. Ich durfte ihm einen Tee kochen. Da er als Koch ausfiel, fabrizierte ich meinen Studentensalat. Den hatte ich mal mit drei Kommilitoninnen knapp vor dem ersten erfunden. Er besteht aus Nudeln, Dosenmandarinen, Thunfisch , Würstchen und einem Mix aus Mayonnaise und Milch. Dann machte ich mich als Hexe zurecht. Als ich mich von meinem Freund verabschieden wollte, fasste er sich an die Stirn und schrie auf. „Das Fieber! Eine Hexe!” Erst , als ich ihm einen Löffel des Salates zu kosten gab, erkannte er mich.

 

Auf dem Weg zum Auto erschreckte ich unseren Nachbarskater Garfield, der offensichtlich als modernes Haustier keinerlei Umgang mit Hexen hatte. Er machte einen Buckel, fauchte furchtbar und suchte dann laut klagend das Weite.

 

Bei Grieche sucht Griechin hatte sich (das Wetter war toll!) alles auf dem Innenhof versammelt und stand um das Feuer. Meine Freundin Trulla hatte ihr wehendes Blondhaar rot gefärbt, trug einen spitzen Hut und ein buntes Gewand. Die Frauen sahen übrigens viel schöner als die Mannsbilder aus. Adidas-Turnschuhe und kurze Hosen sind ja nur bedingt mit Teufelshörnen kombinierbar und ein Teufelschwanz hinten an einer gelben Trainingshose mit weißen Seitenstreifen ist ja auch nicht so der dolle Bringer.

 

Mein Salat machte sich auf dem üppigen Büffet auch ein bisschen mickrig . Ich holte mir darum eine große Kelle aus der Küche und tat, als keiner guckte, ein bisschen was von den anderen Schüsseln zu meinem Salat und rührte alles um .Zumindest optisch konnte mein Studentensalat nun ohne Probleme mithalten.

 

Kurz bevor der Feuertanz mit anschließender Kostümprämierung stattfand, erschien ein stattlicher Teufel mit schwarzen Leggings, einem ebensolchen T-Shirt, schwarzer Strickmütze, blassem Gesicht, dreieckigen, dunklen Augenbrauen und zwei tollen, roten Hörnern auf der Feier. Er trug eine Tupperschüssel in der Hand, die mir seltsam bekannt vorkam- genauso wie die Leggings und die Mütze. Und als der Teufel um mich herumschlich und mich zum Tanze aufforderte, gab es keinen Zweifel mehr. Es war mein Freund. Er habe sich irgendwann wieder viel besser gefühlt und so gelangweilt, sagte er. Da habe er einen Kartoffelsalat gemacht und sich- aller Abneigung zum Trotz- kostümiert. Zum Glück hätte ich ja schwarze Leggings gehabt, die ihm mittels ein wenig Dehnung auch passten. Er habe sich dann im Internet ein Foto von Gustav Gründgens als Dr. Faustus angeschaut und sich dementsprechend geschminkt. Mein Augenbraunstift sei leider dabei draufgegegangen. Und die Hörner seien die beiden Absätze meiner roten High Heels, die ich ja sowieso kaum anzöge. Ich verzieh ihm, denn wir bekamen den Kostümpreis als schönstes Paar. Der Preis bestand aus einem Aschenbecher, auf dem ein Engel und ein Teufel sich die Hand geben. Zum Schluss sollte jeder noch was zur Walpurgisnacht sagen, das war Trulla Idee gewesen. Sie rannte mit einem Mikro rum. Ich hatte so was schon geahnt und mich präpariert. Bei Wikipedia hatte ich gelesen, dass im Wendland in der Walpurgisnacht Mädchen mit entblößten Genitalien über sogenannte Brautsteine rutschten und sich dabei einen Mann wünschten. Die Männer grölten mehrheitlich begeistert, als ich das erzählte.Trulla aber nahm mir das Mikrofon weg und zischte entsetzt, dies hier sei eine akademische Partnervermittlung und kein Puff. Sie beruhigte sich erst wieder, als ich ihr den Ascher schenkte. Trulla raucht zwar nicht, aber sie sagte, die würde ihn für ihren Kater nehmen. Fürs Futter, den er würde immer den Napf umstoßen und der Ascher sei so schön schwer.

 

Ganz viel über Trulla gibt es hier in diesem Buch:

Frauke Baldrich-Brümmer: Geschichten von Trulla - Ein City-Single-Frau sucht den Akademiker fürs Leben
Erschienen im Verlag Monika Fuchs.

 

Foto: © herb - Fotolia.com

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  1. 1. Neue Formen findet Frauke - Kulissenblog

    Pingback vom 30. April 2010 um 08:32

    [...] Hier gibt es schon einmal einen Vorgeschmack mit zwei Geschichten - einmal  “Der Absturz”, mit dem Frauke Baldrich-Brümmer ihren ersten Poetry-Slam gewann und “Trulla und die Walpurgisnacht”. [...]

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