Türchen No. 20: Aus Liebe zu den Älteren

Senioren-Assistentin Larissa Karrassenko über ihre Pläne für eine internationale Senioren-WG und das Neujahrsfest in Kirgisien 

 

 

Egal zu welcher Tageszeit man Larissa besuchen kommt: Ihr Tisch ist stets üppig, reichhaltig und liebevoll gedeckt. Mal hat sie Kekse gebacken, mal ein Mittagsmahl, zum Beispiel Rosenkohl mit Kartoffelpürree, zubereitet oder aber einfach den Frühstückstisch gedeckt. Jede unserer Besprechungen beginnt mit einem Essen. Auch in anderer Hinsicht ist Larissa sehr zuvorkommend, hört genau zu, geht auf ihre Gesprächspartner ein. Das fällt mir immer sehr positiv auf. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich ihre Klienten bei ihr sehr wohl fühlen. Larissa Karassenko betreut ältere Menschen in ihrem Alltag, kauft mit ihnen und für sie ein, macht Spaziergänge, geht mit ihnen ins Theater, liest ihnen vor, sorgt für frischen Wind. Das tut sie mit sehr viel Leidenschaft. Und hat mit ihrem Seniorenservice noch Großes vor. Lesen Sie selbst… 

  

Larissa (links) mit einer Klientin

Larissa (links) mit einer Klientin

 

 

Was war der Grund, Dich mit einem Senioren-Service selbständig zu machen?
Ich wollte schon immer mein eigener Chef sein. Einen besonderen Draht zu älteren Menschen habe ich von Kindesbeinen an. Ich bin in einer Mehrgenerationenfamilie aufgewachsen, in der die Großmutter für uns Kinder eine zentrale Rolle spielte. Sie hat uns bekocht, leckere Piroschkis gebacken, sie hat uns Märchen erzählt und beigebracht, im Haushalt mit zu helfen. Sie war unser Zufluchtort, wenn wir Kinder unsere Schwierigkeiten hatten. Jedes Mal, wenn ich mich an meine Großmutter erinnere, steigt in mir große Dankbarkeit hoch. Diese Erfahrung hat mich geprägt und mich gelehrt, das Alter zu schätzen und zu ehren. Ich liebe den Austausch mit älteren Menschen.

Nach meiner Umsiedlung nach Deutschland suchte ich die Kontakte zu Senioren, um mich schneller in die Gesellschaft zu integrieren. Das schien mir der richtige Weg für mich, und dieser Weg hat mich weit gebracht.
Ich begann auf vielfältige Weise älteren Menschen zu helfen. Im Laufe der Zeit wurde mir diese Aufgabe immer wichtiger. Aus ersten Kontakten sind langjährigen Freundschaften entstanden und mit der Zeit habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht.

 

 

Was bietest Du den Senioren an?

Meine Zielgruppe sind ältere Menschen mit viel Freizeit, aber wenig Gesellschaft, die das Leben gerne genießen möchten. Angehörige haben leider nicht immer Zeit, Sie dabei zu unterstützen und zu begleiten. Die Idee, einen Seniorenservice anzubieten, ist in mir viele Jahre gereift.
Im Oktober 2008 habe ich dann gegründet.

Ich unterstütze Menschen ab 70 Jahren dabei , ihren Alltag zu meistern,  gehe mit ihnen oder für sie einkaufen, bringe sie zum Arzt, koche etwas Leckeres oder lese eine spannende Geschichte vor. Wir gestalten auch zusammen ihre Freizeit- es gibt so viel zu entdecken! Dabei stehen die Interessen meiner Kunden immer im Vordergrund.
Sie erzählen mir, was sie beschäftigt, was sie brauchen oder gerne mögen. Gemeinsam entwickeln wir Ideen für Unternehmungen, Ausflüge und Besorgungen. Ich übernehme die Organisation und kümmere mich um die Details. Das kann ein Kurzurlaub oder einen Theaterbesuch, eine Geburtstagfeier oder eine Fahrt ins Blaue sein - ich begleite meine Klienten dabei und bin die ganze Zeit für sie da.

 

Welche weiteren Pläne hast Du mit Deinem Senioren-Service?

Seit kurzem biete ich meinen Kunden einmal im Monat einen geselligen musikalischen Nachmittag an, den ich gemeinsam mit meiner Kollegin Stella Perevalova gestalte.

Außerdem bin ich gerade dabei, eine größere Idee Realität werden zu lassen: Ich will eine internationale Senioren-WG gründen. Diese Idee habe ich gemeinsam mit meiner Mentorin, Jasmin Arbabian-Vogel, die hier in Hannover einen interkulturellen Sozialdienst betreibt, entwickelt. Und das kam so: Im Rahmen des Mentorings bat mich Frau Arbabian-Vogel einmal, meine Ziele schriftlich zu formulieren und meine persönlichen Visionen zum Thema „Leben im Alter” in Worte fassen. Ich erzählte ihr, dass es mein Traum sei, wenn ich selbst alt bin, mit 4-5 anderen Menschen in einem großen Haus mit Garten zu leben.

Die Vision hatte schon sehr konkrete Züge: Jeder hat sein eigenes Zimmer, Küche, Gemeinschafsräume und Bäder werden geteilt. Tagsüber befindet sich im Haus eine Betreuungsperson, die für den Haushalt und das Funktionieren des Zusammenlebens verantwortlich ist. Sie ist die gute Seele des Hauses. Sie wäscht die Wäsche, kauft ein, kocht Essen, liest mal die Zeitung vor, organisiert kleine Ausflüge, dekoriert das Haus zu den Festtagen. Wer will, kann auch gern mithelfen. Zu festen Zeiten wird miteinander gegessen. Wer mehr Lust auf Gesellschaft hat, kann sich im Wohnzimmer mit anderen Mitbewohnern treffen , um Spiele zu spielen oder einen Film anzuschauen. Für einige, die mit der Zeit mehr Pflege benötigen, kommt der ambulante Pflegedienst ins Haus.

Meine Mentorin war von der Idee begeistert. Sie betreibt ja selbst einige Senioren-WGs, in denen Menschen unterschiedlicher kultureller Hintergründe leben und unterstützt mich sehr dabei. Als ich einige Tage später, eine “ihrer” Senioren-WG besichtigte, stand für mich fest: Dass will ich unbedingt machen - und eine Senioren-WG vorwiegend für ältere Menschen aus Russland ins Leben rufen.

Ich glaube, dass viele alleinstehende Migranten sich nach so einer Form des Zusammenlebens sehnen. Denn mit zunehmenden Alter kapseln sie sich erwiesener Maßen immer mehr ab. Sie haben kaum mehr soziale Kontakte zu Deutschen und vergessen schnell die mühsam erlernte deutsche Sprache, und somit sprechen sie nur noch ihre Muttersprache. Es ist recht problematisch für das Pflegepersonal , sich mit den Pflegebedürftigen zu verständigen. Russisch sprechende Betreuung unter einem Dach wäre für diese Menschen ideal.

Die Idee nimmt schon konrekte Züge an: Ich habe bereits Gespräche mit interessierten Damen geführt, und drei Frauen haben sich bereit erklärt, an dem Projekt mit mir zusammen zu arbeiten. Als nächsten Schritt habe ich eine grobe Kostenkalkulation durchgeführt und mich nach passenden Wohnmöglichkeiten umgeschaut. Darüber hinaus habe ich Kontakt zu einer Wirtschaftsberatung und einem Architekten aufgenommen.
Jetzt fehlen mir noch die Kontakte zu den Behörden, die solche Projekte fördern und mir dabei helfen, sie zu verwirklichen. Da bin ich gerade dran…

 

Wie fühlst Du Dich hier in Deutschland?

Deutschland ist meine zweite Heimat geworden, wo ich mich wohl fühle, liebe einen deutschen Mann und bin gut integriert . Jetzt um diese Jahreszeit vermisse ich gewöhnlich viel Schnee und Frost. das ist dieses Jahr zum Glück ein wenig anders. Und natürlich meine Freunde und Verwandten, die in Russland geblieben sind….

 
Woher kommst Du genau?

Ich bin in Russland, in Sibirien, in der Stadt Kemerowo, geboren und in Kirgisien in der Hauptstadt Bishkek aufgewachsen , habe dort studiert und gearbeitet. Im Juli 1995 kam ich von Bishkek nach Hannover.

 

Was ist der größte Unterschied der Kirgisen im Vergleich zu den Deutschen?

Die Kirgisen sind Asiaten und Muslimen, die sehen anderes aus, und haben anderen Glauben. Das ist einfach eine „andere Welt”. Ein von einzigartigen Bräuchen und Sitten bestimmtes Leben. Kirgisen sind ursprünglich Nomaden, sind sehr naturverbunden, ausgesprochen gastfreundlich. Buchstäblich ist bei den Kirgisen ihre Nachbarschaftshilfe und große Verehrung gegenüber von älteren Mitmenschen. Vielleicht habe ich auch daher mein Faible für Senioren hierher mit nach Deutschland genommen.

 

 
Wird in Kirgisien Weihnachten gefeiert und wenn ja, wie?

Zu meiner Zeit dort haben wir kein Weihnachten gefeiert. Das größte und beliebteste Fest für uns war das Neujahrs-Fest, das in der letzten Nacht des Jahres zusammen mit Familie, Freunden, Bekannten und Nachbarn sehr fröhlich, laut und mit viel Spaß gefeiert wird. Es gibt viel Köstlichkeiten - der Tisch muss voll davon sein. Viele Geschenke unterm Tannenbaum und stimmungsvolle Musik. Gegen Mitternacht gehen alle Menschen nach draußen, kommen zusammen, stoßen mit dem Sekt an und sprechen sich Neujahrs-Glückwünsche aus, Tanzen, Singen, Lachen und feuern Raketen ab bis in den frühen Morgen. Keiner bleibt in der Nacht alleine.

 

Wie feierst Du Weihnachten und den Jahreswechsel, auch ein wenig russisch?

Ende Dezember treffen wir uns mit meinen Freundinnen aus Hannover und feiern nach russischer Art, kochen zusammen, decken ganz festlich den Tisch und Essen und Reden ohne Ende. Es gibt Musik, eine selbst veranstaltete Modeschau, kleine Geschenke. Wir schauen uns lustige Fotos an und lesen uns gegenseitig unsere Horoskope vor und haben jede Menge Spaß miteinander…

Weihnachten feiern mein Lebenspartner, seine Kinder und ich sehr gern festlich. Wir kleiden uns festlich, haben den Tisch schön gedeckt. Unter dem Tannenbaum liegen viele Geschenke für die Lieben. Es gibt sehr gutes Essen.

Unbedingt müssen dabei sein: ein bestimmtes russisches Gebäck, die Napoleon-Schnitte, Rote Bete-Salat mit Pflaumen und Walnüssen und russische Schoko-Pralinen. Das alles liebe ich sehr, das sind für mich schöne Erinnerungen an meine glückliche Kindheit im Elterhaus. In die Kirche gehen und Weihnachtslieder singen finde ich auch sehr schön.

 

Was wünschst Du Dir zu Weihnachten - und überhaupt?
Ich wünsche, dass es meinen Lieben gut geht. Dass es kein Krieg kommt. Dass unsere Welt mit unseren guten Gedanken und Taten immer ein bisschen besser wird. Und dass meine Verwandte (meine Schwester und meine Tante) mich im Sommer 2010 besuchen.

 

Welche Pläne hast Du für das kommende Jahr?
Eine internationale Senioren- WG mit der Tagesbetreuung gründen
Eine nette und liebevolle Mitarbeiterin einstellen


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