Türchen No. 12: Erkenntnisse eines Parallelgesellschaftlers
12. Dezember 2009 von Stephanie Ristig-Bresser | 2 Kommentare
Der deutsche Koreaner (oder koreanische Deutsche) und Unternehmensberater Daniel Sanghoon Lee über Integration und erfolgreiche Existenzgründung
Studien - zum Beispiel der Innovationsreport - wissen: Menschen mit anderen kulturellen Wurzeln gründen häufiger. Und vermutlich gründen sie anders. Gründer mit Migrationshintergrund, insbesondere Türken, da “abzuholen”, wo sie stehen, hat sich Daniel Sanghonn Lee gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Zafer Aktas zur Aufgabe gemacht - und dafür im Jahr 2007 den Interkulturellen Wirtschaftspreis erhalten. Welche Erfahrungen die Aktas Lee Management Consultants dabei gemacht haben, erfahren Sie im folgenden Interview. Außerdem das Thema: Integration, immer mal wieder auf dem Tisch, nachdem Bundekanzlerin Merkel im Juni 2006 den ersten (sic!!!) Integrationsgipfel einberief. Was liegt näher als jemanden, der selbst einen anderen kulturellen Hintergrund hat, darüber zu befragen, wie es seiner Meinung um dieses Thema bestellt ist. Sie werden lesen, Daniel hat dazu sehr differenzierte Gedanken.
Daniel war es beispielsweise, der einen, meiner Meinung nach wichtigen Denkanstoß gab, als wir neulich auf dem ConventionCamp gemeinsam unterwegs waren. Und jetzt gebe ich mal einen Ca.-O-Ton von Daniel wieder, wie ich ihn erinnere - Daniel korrigiere mich bitte, wenn ich das hier falsch widergebe: “Wir reden über Social Media. Wenn wir in die USA blicken, sehen wir, wie extensiv Social Media-Plattformen dort genutzt werden und meinen, hier in Deutschland bzw. Europa würde sich das genauso entwickeln. Ich bin mir da nicht so sicher. In Deutschland sind die Menschen lange nicht so offen und “exhibitionistisch” wie in den USA. Wir legen sehr viel Wert auf Titel, auf Status, auf zugesprochene Rollen. Das sieht man auch daran, dass sich viele Menschen zieren, bspw. auf Facebook oder Twitter für Ihre Firma zu posten. Ein Amerikaner hat damit in der Regel überhaupt kein Problem. Für die türkischen Unternehmer, die ich berate, spielt das Netz und auch das Thema Web 1.0 noch eine sehr geringe Rolle. Türken legen sehr viel Wert auf einen persönlichen Austausch - und ich weiß nicht, ob sich das großartig ändern wird.”
Danke für diese Sichtweise, Daniel! Ich freue mich sehr, dass wir uns vor kurzem wieder getroffen haben - und auf viele weitere gute Gespräche mit Dir!
Mit Deinem Unternehmen begleitest Du gemeinsam mit Deinem Geschäftspartner junge Unternehmer mit Migrationshintergrund , vorwiegend Türken, bei der Gründung und in den ersten Geschäftsjahren. Gründen Türken anders und wenn ja, wie?
Prinzipiell gibt es immer kulturelle Einflüsse, die auch das Gründungsverhalten und Geschäftsgebaren beeinflussen können. Die mündliche Kommunikation ist für Menschen mit türkischem Migrationshintergrund beispielsweise sehr wichtig. Man legt sehr großen Wert auf persönliche Empfehlungen. Man verlässt sich auf den sozialen Zusammenhalt und erkundigt sich auch schon mal im Bekanntenkreis nach der Reputation eines potenziellen Geschäftspartners, z. B. des Unternehmensberaters. Macht sich jemand selbständig, ist der tadellose Ruf in der Gemeinschaft wichtig. Genauso spielt die Familie eine ganz große Rolle. Sie muss bei Gründungen immer mit berücksichtigt werden, sei es als sozialer und finanzieller Rückhalt, sei es als konkrete Hilfe im Unternehmen.
Typisch ist auch, dass viele Gründer eher kurzfristig denken und daher zu spontanen Handlungen neigen.
Als Gründungsberater kannst Du auf eine jahrelang Erfahrung zurück blicken und weißt wie der “Gründungshase” läuft. Hast Du Tipps für eine erfolgreiche Unternehmensgründung?
Mittlerweile gibt es ja zahlreiche Ratgeber zum Thema Unternehmensgründung. Es gibt auch ebenso viele Unternehmensberater, an die man sich für konkrete Fragen und Probleme wenden kann. Wenn ich allerdings auf unsere Beratungen und auch auf unsere eigene Gründung zurückblicke, dann sind mir drei Punkte wichtig:
- Du solltest etwas können. Eine Ausbildung ist gut. Branchenerfahrung ist hilfreich. Du solltest etwas leisten können, das für andere einen Wert hat, für andere hilfreich oder interessant ist, so dass diese bereit sind, dafür zu zahlen.
- Du solltest flexibel und lernbereit sein. Als Unternehmer hast Du immer die Produkt- und Leistungsseite, aber auch, für viele neu und ungewohnt, die kaufmännische Seite. Man sollte neugierig sein, Trends aufmerksam verfolgen und ein offenes Ohr für Kunden und Lieferanten haben. Als Unternehmer muss man auch lernen, Entscheidungen zu treffen, aber auch, diese bei Bedarf auch zu revidieren. Ein Unternehmen ist nie fertig, sondern ständig im Fluss.
- Du solltest kommunizieren und Dich mit Deinem Umfeld austauschen. Feedback ist sehr hilfreich, Dich und Dein Unternehmen zu positionieren und auszurichten. Feedback hilft, Stärken und Schwächen aufzudecken.
Wie nimmst Du als Koreaner das Thema “Integration” wahr?
Im Moment sehr zwiespältig. Ich habe das Gefühl, es gibt eine politische Diskussion über Integration, die von der privaten Meinung offenbar abweicht. Es werden Begriffe in der öffentlichen Debatte wie selbstverständlich genutzt, bei denen ich nicht weiß, ob tatsächlich jeder dasselbe darunter versteht. Was ist Integration und vor allem, welches Ziel soll Integration haben? Für eine erfolgreiche Integration ist sowohl das Verhalten des Migranten als auch das Verhalten der Mehrheitsgesellschaft relevant.
Auch dass türkischstämmige Migranten ständig problematisiert werden, führt aus meiner Sicht nur dazu, die Gesellschaft zu spalten in Deutsche und Nicht-Deutsche. Denn auch wenn meist nur von türkischstämmigen Migranten negativ berichtet wird, fühle ich mich davon genauso betroffen und ausgegrenzt.
Eine (erfolgreiche) deutsche Sozialisierung führt nicht automatisch dazu, vorbehaltlos als Deutscher akzeptiert zu werden. Wer sieht in mir denn tatsächlich einen Deutschen? Wer kann mir ansehen, wie gut ich mich integriert habe? Deine Frage z. B. erweckt den Eindruck, dass ich offenbar eher als Koreaner denn als Deutscher wahrgenommen werde, ohne dass damit ein böser Hintergedanke verbunden ist. In Deutschland gibt es keinen Konsens darüber, ob ich ein Deutscher bin, ein Koreaner oder beides und ob letzteres überhaupt möglich und erwünscht ist. Früher spielte diese Frage aber auch keine Rolle und sie spielt es für mich im Alltag auch häufig nicht. Mit Begriffen wie Assimilation wird aber in der öffentlichen Debatte der Eindruck erweckt, als Migrant müsse ich mich zwischen zwei Kulturen entscheiden, sonst scheitert die Integration. Nur, auch “wir Koreaner” haben unsere Parallelgesellschaft und trotzdem gelten wir als “Musterbeispiel” einer erfolgreichen Integration.
Was gefällt Dir an Deutschland und was gefällt Dir gar nicht?
Ich bin hier in Deutschland geboren und aufgewachsen. Deutschland ist daher für mich auch Heimat. Ich mag das vertraute Gefühl, nach Hause zu kommen. Ich mag die Menschen hier. Lernt man die Deutschen erst einmal kennen, lernt man gesellige und höchst unterschiedliche und freundliche Menschen kennen. Ich mag die vielen Subkulturen hier, auch wenn manche behaupten, die Deutschen seien eine homogene Gesellschaft. Das ist Unsinn. Ich mag die Spielekultur der Deutschen. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es wohl eine derartige Vielfalt von Gesellschafts- und Brettspielen wie hier.
Was ich nicht mag, ist die Reformunwilligkeit und Reformunfähigkeit hierzulande. Viele klammern sich an das, was ihnen vertraut ist, auch wenn es auf Dauer schadet. Äußerlichkeiten spielen eine große Rolle; Titel und Beziehungen sind manchmal wichtiger als tatsächliche Erfahrung oder neue Ideen. In Deutschland ist das Glas eher halb leer als halb voll.
Wie erlebst Du als Koreaner die Advents- und Weihnachtszeit hier in Deutschland? Feierst du Advent, Weihnachten und Sylvester?
Als Kinder wurde in unserer Familie Weihnachten mit Tannenbaum und Geschenken gefeiert, heute nicht mehr. Ich bin zwar protestantisch getauft, aber Religion hat in unserer Familie nie eine große Rolle gespielt. Heute ist die Weihnachtszeit eher ein Anlass, die Eltern zu besuchen und mit der Familie zusammenzusein. Es passt zum Jahresausklang, wo ich gerne etwas melancholisch werde und auf das Jahr zurückblicke. Der Advent hat für mich keine Bedeutung. An Silvester kommt es wiederum auf meine Stimmung an. Es gibt Zeiten, da freue ich mich, mit anderen zu feiern, es gibt Zeiten, da freue ich mich, für mich allein zu sein.
Was wünschst Du Dir zu Weihnachten?
Einen Moment der Ruhe. Und danach mit der Familie zusammenzusein.
Habt Ihr in Südkorea ein vergleichbares Fest? Wie feiert Ihr es? Feierst Du das Fest auch hier in Deutschland? Wie und mit wem?
Ich weiß nicht, ob man Weihnachten mit anderen Festen vergleichen kann. In Korea gibt es zwei große Feiertage, das sind das Neujahrsfest nach dem Mondkalender - meist im Januar/Februar und das Erntedankfest.
In Korea wird Weihnachten eher so behandelt, wie Halloween hier in Deutschland: als ein Ereignis, das sich gut kommerzialisieren lässt. Immerhin hat man den 25.12. zum gesetzlichen Feiertag erklärt.
Welche Pläne hast Du fürs nächste Jahr?
Beruflich will ich mit meinem Unternehmen weiter wachsen, sowohl ertragsmäßig als auch personell. Privat will ich mich stärker um meine Altersvorsorge kümmern, mit dem Bogenschießen anfangen und eventuell eine Kanutour durch Norwegen oder Schweden machen.
Zu Daniel Sanghoon Lee können Sie hier in Kontakt treten:
https://www.xing.com/profile/DanielSanghoon_Lee
http://twitter.com/gedankenreiter
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1. Daniel
Kommentar vom 12. Dezember 2009 um 12:45
Liebe Steffi,
danke für die freundliche Einführung. Ich fühle mich sehr geehrt, dass Du mich in Deinem Adventskalender aufnimmst. ^^
Zum O-Ton: Als wir über Social Media sprachen, wollte ich anmerken, dass wir den Focus vielleicht zu sehr auf Medien legen und nicht auf das Soziale. Beziehungen und Kommunikation sind von Land zu Land anders. Selbst wenn wir in Deutschland gerne Hollywood-Filme oder Musik aus den USA konsumieren, wir haben eine andere Diskussionskultur, andere Beziehungsformen, andere Arten des Engagements oder ein anderes Politikverständnis. Beispielsweise war die Vorstellung, ein Internetwahlkampf in Deutschland würde so funktionieren wie in den USA, schlicht naiv. Aber mein Eindruck ist, dass der kulturelle Faktor, in diesem Fall die deutsche Kultur, schlicht ignoriert wird. Wir sollten uns nicht die Frage stellen, welche Medien wir als nächsten kopieren, sondern wie wir welches Medium nutzen wollen, so dass es zu unserer Mentalität passt.
Dass man den kulturellen Faktor nicht vernachlässigen darf, hat Google längst in Japan lernen müssen, wo Google als Suchmaschine unter ferner liefen läuft.
Den letzten Satz im O-Ton muss ich relativieren. Der persönliche Austausch ist und wird bei türkischstämmigen Migranten wichtig bleiben. Aber die junge Generation wächst natürlich mit dem Internet auf. Innerhalb der deutschen Gesellschaft nutzen sie das Internet genauso wie wir auch. Innerhalb der türkischen Community greifen die meisten dann doch noch lieber zum Telefon statt sich eine E-Mail zu schreiben. Aber auch innerhalb der ethnischen Gruppen sind schon eigene soziale Netzwerke wie http://www.salambc.com/ oder die http://www.td-plattform.com/ am Start.
Ich hoffe, ich konnte einige Dinge etwas deutlicher darstellen. ^_~
Wünsche Dir ein schönes Wochenende!
Liebe Grüße
Daniel ^^
2. Ylva Jangsell
Kommentar vom 12. Dezember 2009 um 13:16
Ah, gleich zwei Themen die mich intressieren: Integration und Existensgründung. Intressante Gedanken, spannend! Danke, Stephanie!