Neue Formen findet Frauke
30. April 2010 von Stephanie Ristig-Bresser | kein Kommentar
Ein Porträt über die Schriftstellerin Frauke Baldrich-Brümmer
„Mit nichts kann man ein Kunstwerk weniger berühren als mit kritischen Worten. Es kommt dabei auf mehr oder weniger glückliche Missverständnisse heraus”, schrieb Rainer Maria Rilke in seinen „Briefen an einen jungen Dichter” mit einem kräftigen Seitenhieb an die Literaturkritiker. Wie wohl jemand in der Schule zurechtkommt, der eine Deutsch-Klassenarbeit mit dem Schwerpunkt Interpretation mit diesem Satz versieht? Und wie wohl dieser Jemand gar seine Lehrerrolle versteht? Rahmenrichtlinien sind nicht Frauke Baldrich-Brümmers Ding. Und so schmiss die Lehramtsanwärtrein Frauke in den 80er Jahren kurzerhand ihr Referendariat hin, als Kollegen sie ermahnten, ihren Unterricht den Lehrplanvorgaben des Kultusministeriums gemäß zu gestalten. „Wenn ich damals schon den Film „Club der toten Dichter” gekannt hätte, hätte ich darauf ganz gesalzen reagiert. Deutschunterricht ist nicht Mathematik, die Interpretation eines Gedichts keine Formel. Schreiben zu lernen ist ein Prozess des Mündigwerdens, und der kann nicht verordnet werden”, kommentiert Frauke Baldrich-Brümmer. „Love it, change it or leave it.” - Lieben konnte sie den Lehrbetrieb in dieser Form nicht, verändern ging nicht, also blieb nur die Lösung, den Lehrerberuf aufzugeben: Deshalb verdiente Frauke ihre Brötchen zunächst als Nachtwache einer Dauerwohngruppe für Schwerstbehinderte.
Auch für eine andere Liebe war die Zeit damals wohl noch nicht reif: Mit zarten 17 Jahren trug Frauke Baldrich-Brümmer ihre damals vorrangig lyrischen Werke auf einer Lesung vor; der hannoverschen Schriftsteller Joachim Grünhagen hatte sie dazu eingeladen. Grünhagen protegierte die talentierte Dichterin zwar, sodass sie damals Mitglied im Deutschen Autorenverband wurde. Aber zu jener Zeit „waren die Schriftsteller eher im Elfenbeinturm zu Hause. Außerdem waren alle anderen Mitglieder einige Jährchen älter, so dass ich mich dort ziemlich allein fühlte”.
Und so ruhten Stift, Schreibmaschine und PC für einige Jährchen und wollten erst Mitte der 90er Jahre wieder hervorgeholt werden. „Literatur und Lesungen brauchen nur einen Raum, der so groß ist wie ein Wohnzimmer”, argumentierte damals Autorenkollege Kersten Flenter im Feuilleton der HAZ und stellte die Literaturetage des hannoverschen Künstlerhauses in Frage. „Ein kleines nettes Wohnzimmer habe ich wohl, dann lege ich doch mal los”, überlegte Frauke gemeinsam mit einigen Freunden und gründete kurzerhand ihren „Sal(l)on 17 - Literatur zum Wohnfühlen”. Zwei Jahre lang veranstaltete sie fast jeden Monat ihren literarischen Salon - immer unter einem anderen Motto stehend. Mal war „Alles in Butter”, und zur Lesung wurden verschieden bestrichene Butterbrote gereicht, mal gab es „”Krawalle und Liebe”, eine Lesung über Beziehungskrisen. Rasch erfreuten sich die Hauslesungen größerer Beliebtheit. Der Sallon 17 ging auf Reisen. „Von der winzigen 2-Zimmer-Wohnung bis hin zur Villa in Hamburg - wir haben eigentlich fast überall gelesen”, erinnert sich Baldrich-Brümmer. Damals hatte sie noch ein Faible für Lyrik; 1998 erreichte sie den zweiten Platz des Inge Czernik-Förderpreises. Mit Unterstützung ihres Mäzens Prof. Dr. Blattmann gab sie einen Lyrikband heraus.
2003 fand die Lyriklady gemeinsam mit einigen weiteren Dichterkollegen eine neue Form, Literatur zu präsentieren: an ungewöhnlichen Lesungsorten in ihrem hannoverschen Heimatviertel Südstadt - in einem Waschsalon, in einem Opel-Autohaus, bei einem Juwelier, auf dem Gartenfriedhof, in einem winzigen Blumenladen, bei einer Fahrschule, in einem Dessousgeschäft, bei einem Bestatter. „Man sagt ja, dass eine gute Kurzgeschichte exakt so lang ist wie ein Haarschnitt. Natürlich haben wir das im Friseursalon Sägebart ausprobiert. Während ein Autor vortrug, wurden ihm die Haare frisiert”, erzählt die Initiatorin. Das Projekt „Literatur an ungewöhnlichen Orten” fand ein großes positives Echo. „Es war sehr volksnah, die Besucher waren ganz begeistert. Viele äußerten sich, sie hätten nie gedacht, dass Lesungen so interessant sein könnten”, berichtet Frauke Baldrich-Brümmer. Durch dieses neue Lesungskonzept kam sie mit einer für sie völlig neuen Literaturszene in Kontakt: Mit der der Poetry Slammer. Und fing rasch Feuer. Selbstredend las sie selbst bald auf einem Poetry Slam, den sie prompt gewann - mit ihrem Text „Der Absturz”, den Frauke uns freundlicherweise für unser Kulissenblog zur Verfügung gestellt hat.
Der spielerisch-ironische Stil vieler Poetry-Slammer hatte es Frauke angetan und so schrieb sie vermehrt Kurzgeschichten im Slam-Style. „Viele Verlage lehnten meine Geschichten ab, mit der Begründung, die Leser würden keine Kurzgeschichten kaufen - ich habe da aber seltsamerweise andere Erfahrungen gemacht”, kommentiert Baldrich-Brümmer. Und so blieben die ironisch-satirischen Kurzgeschichten der hannoverschen Autorin lange unveröffentlicht, bis sie ihre jetzige Verlegerin Monika Fuchs kennen lernte. Für ihr erstes Buch im Verlag Monika Fuchs kreierte sie mit der Tarot-Karten legenden City-Single-Frau Trulla, die den Akademiker fürs Leben sucht, eine völlig neue Figur. Auch auf weiteren Kanälen ist Frauke Baldrich-Brümmer aktiv: Seit 2009 bloggt sie mit ihrer Figur Trulla für die Online-Community Women Web, seit Januar 2010 bloggt sie dort über ihr Leben als Autorin. Seit 2008 schreibt Frauke Baldrich-Brümmer regelmäßig für Deutschlands größtes Satiremagazin Eulenspiegel und gehört dort auch mittlerweile zum festen Autorenstamm.
Die Pädagogik hat übrigens weiterhin einen festen Platz in Fraukes Berufsleben, auch wenn sie damals geradezu fluchtartig den für sie zu stark regulierten Schulbetrieb verließ. Ein Teil des Sal(l)ons 17 besteht aus Angeboten für Schülerinnen und Schüler dar: Förderunterricht genauso wie Wort- und Schreibwerkstätten. Dabei hat Frauke ihre Regeln - nämlich den Schülern größtmögliche Schreib-Freiheit zu ermöglichen: „Die Kinder dürfen sich ihre Plätze aussuchen, dürfen auch mal aufstehen, herumlaufen, sich die Zeit nehmen, die sie brauchen, dürfen zu zweit schreiben”, erklärt die Pädagogin. „Ganz schlimm ist es, wenn Kinder mich fragen, was wohl passiert, wenn sie wieder so viele Fehler in ihrem Aufsatz haben und sich deshalb nicht trauen, schwierige Worte zu schreiben. Da werden Schreibblockaden durch Formalismen aufgebaut.” Sagt eine Frau, die offen für neue (Literatur-)Formen ist. Spannend, welche sie wohl noch in Zukunft finden wird.
Sie ist gerade dabei: Seit Anfang Januar 2009 gehört Frauke Baldich-Brümmer der Satire-Gruppe „Die Gagster” an,die neben ihr auch noch aus den Eulenspiegelautoren Michael Kaiser und Florian Baldrich besteht. Ihr Sohn Florian ist übrigens in die künstlerischen Fußstapfen der Mutter getreten und hat 2009 seine Kreativ-Agentur „Brainflash” gegründet, die auch Frauke Baldrich-Brümmer vertritt.
Kontakt Frauke Baldrich-Brümmer:
Xing-Profil
www.sallon17.de
www.trullas-blog.de
Blog bei Woman-Web: www.womenweb.de/liebe-und-partnerschaft/partnerschaft-und-beziehung/frauke-baldrich/Blog.html
Veröffentlichungen von Frauke Baldrich-Brümmer:
- wörtlich bestäubt: Geest <Verlag, 2007
- Geschichten von Trulla: eine City–Single-Frau sucht den Akademiker fürs Leben , Verlag Monika Fuchs2009
- Haiku-Adventskalender, Korsch, 2008
- Promenadenmischung: auf den Slam gekommen Lesebühnenliteratur der Extraklasse
2 HörCD’s, periplaneta 2009 - TrullasTaschentarot: eine Orientierungshilfe für Partnersuchende Verlag Monika Fuchs
2009
Frauke Baldrich-Brümmer wird zukünftig auch das Kulissenblog in der Rubrik „Frei-Stil” bereichern. Wir freuen uns und sagen herzlich Danke schön!
Hier gibt es schon einmal einen Vorgeschmack mit zwei Geschichten - einmal “Der Absturz”, mit dem Frauke Baldrich-Brümmer ihren ersten Poetry-Slam gewann und “Trulla und die Walpurgisnacht”.
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