Türchen No. 14: Mit “Nam Myoho Renge Kyo” zum Regisseurs Deines Lebensfilms

Der Schauspieler und Buddhist Sven Fechner über seine Anfänge als Schauspieler und seine Begegnung mit dem Buddhismus

 

„…Die Mittelpunktfigur Woyzeck wird von Sven Fechner erschütternd nahe gerückt. Kaum zu glauben, dass dieser offensichtlich hochbegabte Schauspieler gerade erst seine Ausbildung abgeschlossen hat und nun als Woyzeck auf der Bühne steht.
Er spielt nicht den Woyzeck - seine Rolle - er ist Woyzeck, der leibhaftige Pauper Woyzeck, der Soldat, der zum Appell rennt, den Hauptmann rasiert und allerlei weitere Gelegenheitsarbeiten verrichtet, der dem Doktor als Versuchsobjekt dient, hin und hergehetzt zwischen den demütigenden Aufgaben und kaum Zeit für Marie und das Kind, da wo noch der Mensch Woyzeck eine Bleibe hat.
Es ist, als habe Sven Fechner diese Rolle nicht einstudieren müssen, so natürlich steht er da, schicksalsergeben, ein Geknechteter, der physisch ( durch die vom Doktor verabreichte Erbsendiät) und psychisch ( durch die herablassende Vormundschaft der ihn erdrückenden Herrschenden) zerstört wird.
… Sven Fechner hat die Befindlichkeiten Woyzecks in allen ihren Nuancen verstanden und das zeigt er unglaublich echt, diszipliniert in jeder Situation, expressiv in der Beschränkung auf wesentliche Regungen. Zwischen Vorgaben der Regie und seiner Darstellung gibt es nirgendwo einen Riss, eine Ungenauigkeit. Eine glänzende Schauspielerpremiere in der Premiere.”

(aus: Cellesche Zeitung vom 12.02.1996, Theaterkritik zum Stück “WOYZECK”)

 

Sven Fechner

Sven Fechner

Das ist die erste Theaterkritik, die Sven Fechner, der gerade seine Schauspielausbildung beendet hatte, erhielt. Was für Worte. Wohl jeder Schauspieler träumt wohl davon, solch eine “Kritik” zu erhalten - und den Woyzeck zu spielen! Jeder könnte meinen, dieser Mensch müsse auf Wolke Sieben schweben, getragen von so viel Lob. Aber dem war damals mitnichten so. Nicht nur dass der damals am Celleschen Theater amtierende Intendant und der junge Schauspieler Sven Fechner sich niemals verstanden, auch Sven Fechner selbst spürte eine zunehmende Leere in sich. Lesen Sie, wie er sich damals fühlte. Und wie er zum Buddhismus fand.

(Zum ausführlichen Interview mit Sven Fechner geht es übrigens hier.)

 

 

“Im Buddhismus wird viel meditiert. Da wird in Stille verharrt, da wird gefegt stundenlang, da murmeln Mönche stundenlang irgendwelche fremden Laute vor sich hin… und immer hat man dieses Buddhagesicht vor Augen, mit den halb geöffneten milde lächelnden Augen eines seltsam frisierten Menschen. Es gibt viele verschiedene Arten der Meditation, ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich durch Wiederholung einer Reihe von fremden Worten mit einer Energiequelle verbinden kann, die immer zur Verfügung steht, die nie ausgeht oder versiegt. Diese Worte lauten „Nam Myoho Renge Kyo”. Als ich sie zum ersten Mal hörte, dachte ich es läuft grad irgendwo in der Wohnung unter mir ne Waschmaschine im Schleudergang. Wie sinnbildlich, das wird mir jetzt grad klar.
Ich wohnte damals in Altenhagen, einen sehr SEHR kleinen Dorf, etwas außerhalb von Celle, wo ich am Theater engagiert war.. Ich war dort ca. 6 Wochen vorher eingezogen, eine wundervolle, große Drei-Zimmer-Dachgeschoßwohnung auf dem Land. Ich hatte vorher ein dreiviertel Jahr in einer ziemlich chaotischen WG im Zentrum von Celle gewohnt. Drei Frauen, ein Kater, eine Katze und ich. Ein schiefes altes Fachwerkhaus, wo man sich dauernd den Kopf stieß weil das Haus so klein war…

 

Ich hatte nach langer Unsicherheit meinen ersten festen Vertrag bekommen, sodass ich die letzten drei Monaten meiner Schauspielausbildung „beurlaubt” war, weil ich schon spielte. Schließlich war es schwer genug ein Anfängerengagement zu bekommen, deshalb ließ man mich gehen und spielen. Endlich, nach drei wunderbaren Jahren auf der Schauspielschule mit vielen Experimenten, vielen Kämpfen und Selbsterfahrungen in einer sehr intensiven Gruppe von Schülern und Lehrern, durfte ich nun endlich loslegen, ich durfte auf die Bühne. In dieser Zeit lief sehr viel schief auf der Arbeit.. Der Intendant hatte mich nur widerstrebend angestellt, ich hatte bei einer Weihnachtsmärchenproduktion ausgeholfen, „Die Bremer Stadtmusikanten”…, ich spielte die bösen Herren der Tiere und einen der Räuber.

 

Da ich einer Regisseurin aufgefallen war in diesem Kinderstück, die als nächste Produktion „Woyzeck” inszenierte und mich für eine Nebenrolle besetzen wollte, bekam ich eben einen Festvertrag. Dem Intendanten passte es gar nicht, dass ich mich gut mit dieser Regisseurin verstand. Und als dann noch der Hauptdarsteller so massiv Probleme mit der Regisseurin hatte, dass er zwei Wochen vor der Premiere einen Nervenzusammenbruch oder einfach die Schnauze voll hatte, hieß es plötzlich, dass ich die Rolle des Woyzeck spielen soll. Sie traue mir dies zu, und entweder der Intendant lässt sich darauf ein, vorausgesetzt ich sage zu, oder sie ließe sich auszahlen, und der Intendant inszeniert zu Ende…

 

Dies sagte sie übrigens inmitten einer Ensembleversammlung des Theaters, wo auch alle Kollegen ( die ich teilweise noch gar nicht kannte, war ja erst sehr kurz da ) und Dramaturgen anwesend waren. Das Blöde war, dass ich damit überhaupt nicht gerechnet hatte. Ich hatte mich einfach tierisch gefreut, dass ich dort bleiben konnte und gleich in so einer tollen Inszenierung mitspielen durfte… Ich war seelig, ich lernte sogar mit Kegeln jonglieren, weil ich auch noch die Rolle des Marktschreiers spielen durfte. Da ich so begeistert war und einfach ein Talent mitbrachte, war ich mit der Regisseurin, einer Berlinerin, einfach sehr schnell vertraut und konnten hervorragend miteinander arbeiten.. Ich wusste genau, was sie von mir wollte, und ich brachte viel Spaß in die Proben, die mit dem Hauptdarsteller einfach richtig mies liefen. Ich glaube, der Kollege hat einfach ihre Sprache nicht verstanden. Oder vielleicht hatte er Angst vor dieser wirklich anspruchsvollen Rolle?! Ich weiß es nicht mehr, jedenfalls saß ich dort in dieser Ensembleversammlung samt anwesender Theaterleitung und sie sagte ihren Vorschlag und alle Augen waren auf mich gerichtet… Ich war völlig perplex. Ich hatte damit einfach nicht gerechnet, ich fand es einfach nur klasse dabei zu sein, am richtigen Theater. Und dann das… Sie fragte mich, ob ich mir zutraue, diese Rolle zu spielen.

 

Ich wusste es nicht, ich hatte bloß bei den Proben, als es um die Ausführung der Hauptrolle ging, immer nur im Kopf „Warum versteht er das denn nicht? Ist doch klar, wie sich dieser Woyzeck in dieser Situation fühlen muss.” Und dann Büchners Sprache. Durch eine große Erfahrung im Umgang mit Texten, zeigte uns die Regisseurin die großartige Kunst Georg Büchners, der es verstand, Worte auf das ganz Wesentliche zu reduzieren und riesige Szenen aufzumachen…

 

Ich wusste nur, dass ich die Rolle fühle, und erbat mir eine halbe Stunde Bedenkzeit. Ich ging raus, das Theater befindet sich übrigens in einem wunderbaren kleinen Stadtschlösschen im Zentrum einer einmaligen vollständig erhaltenen Fachwerkinnenstadt, ging in eine Telefonzelle, Handys gab es für den Normalbürger noch nicht so richtig, und rief meinen Bruder an. Der ist Anwalt und fragte nur ganz klar: „Meinst Du, Du kannst diese Rolle spielen?” Und ich sagte “Ja!” „Na, dann hast Du nichts zu verlieren. Entweder, es wird ein Reinfall, auch wenn man bedenkt, dass nur noch zwei Wochen bis zur Premiere bleiben, dann wird dir keiner nen Strick draus drehn. An dieser Rolle sind schon richtig große Leute gescheitert, und du kommst direkt von der Schule. Oder: Es wird ein Erfolg und Du zeigst einfach allen, wie saugut du bist und was fürn schweinegeiler Typ du überhaupt bist!”

 
Ich hab dann gesagt, ich machs…

 

Die nächsten beiden Wochen waren der absolute Hammer, nicht nur, dass ich viel Text, und zwar sehr schwierigen Text, in kürzester Zeit lernen musste, ich musste lernen den Hauptmann nass zu rasieren in der ersten Szene, viele sehr detailliert choreographierte Bewegungsabläufe zu wiederholen und vor allem in die Psyche dieses seelisch geschundenen Menschen zu schlüpfen, der gedemütigt, einsam und von den Problemen zerdrückt in den Wahnsinn getrieben wird und seine Freundin, mit der er ein Kind hat, umbringt, weil sie ein Verhältnis mit dem Tambourmajor hat. Wenn man sich überlegt, auch nicht groß anders als bei „Verbotene Liebe”, oder?

 

Ich erlebte zum ersten Mal, was es bedeutet, mit anderen Personen gemeinsam mit viel Energie ein Kunstwerk zu erschaffen. Ich hatte mich so auf die Regisseurin eingetunt, ich verstand bis ins letzte Detail jede Feinheit, die sie mir mitgab, jede Nuance in der Art und Weise, wie Büchners Texte zum Leben erwachen, ich erlebte das Geheimnis, warum es nichts aufregenderes und Schöneres gibt, als Theater zu machen.

 

Die Aufführung wurde ein großer Erfolg - die Kritik hast Du ja schon gelesen - ganz am Anfang des Artikels. Ich schwöre übrigens, ich hab kein Wort verändert, genau so lautete meine erste Kritik als Schauspieler in einer ernstzunehmenden Rolle. Ich war natürlich beflügelt, war sehr stolz, dass ich das geschafft hatte und genoss die Aufmerksamkeit, die mir zuteil wurde. Ich erlebte, dass mich in der Stadt Leute auf der Strasse ansprachen und mir alles Gute wünschten und dass sie sich schon auf das nächste Stück mit mir freuen, und im Eiskaffee wurde ich plötzlich mit Namen begrüßt „Guten Tag, Herr Fechner”. Ich bestellte jedenfalls in der Zeit dort öfter einen Milchkaffee.

 
Eigentlich hätte es mir gut gehen müssen, ich hatte meinen Abschluss mit Diplom, hatte einen Zweijahresvertrag und einen Bombenstart für meine internationale Karriere als berühmter Theater-, Film- und Fernsehschauspieler hingelegt und lebte in einer Wohngemeinschaft wo schon früh am Morgen die Joints zum Frühstück gereicht wurden. Eine seit 20 Semestern studierende Sozialpädagogin, die Taxi fuhr, eine weitere völlig verpeilte und frustrierte junge Frau, mit der es oft sehr lustig aber auch oft sehr streitsam war und eine wunderhübsche junge Blondine, die in der einzigen szenigen Kneipe “Das Loch” in Celle arbeitete und zum ersten Mal von zuhause vom Bauernhof vom Land weg war. Als klar war, dass ich in Celle bleiben kann, suchte ich mir natürlich eine schöne Bleibe. Die vorherigen drei Monate überwinterte ich bei einer sehr betagten alten Dame, die mich immer fragte, ob ich Luis sei, wenn ich ihr im Treppenhaus begegnete. Mir fällt ihr Name nicht mehr ein. Bei ihr hatte ich ein möbliertes Zimmer und fand es ganz schlimm dort.

 

Aber meistens kam ich eh angetrunken am frühen Nachmittag nach Hause und schlief durch bis zur nächsten Vorstellung am nächsten Morgen um halb neun. Das ging fünf Wochen in der Vorweihnachtszeit so. Um halb neun die erste Vorstellung vor ca. 380 lärmenden Kindergartenkindern, für die das natürlich ein großer Spaß war, dann kurze Pause von ca. einer ¾ Stunde, danach in die Maske und wieder ins mittlerweile völlig verschwitzte Kostüm zur 2. Vorstellung um 11. Kein Wunder, dass ich mit dem Esel und dem Hund von den Bremer Stadtmusikanten hinterher auf dem Weihnachtsmarkt bei billigem Glühwein regelmäßig versackte.

 
Jedenfalls nahmen mich die drei Mädels großherzig und gerne in die WG auf. Ein Mann sollte immer im Hause sein und ein Schwuler stresst nicht rum… Stimmt auch. Wir hatten am Anfang eine echt witzige und tolle Zeit. Das Haus war urig und sehr gemütlich, alles zwar etwas verramscht, aber sehr romantisch, mit Garten, wo dann regelmäßig verpeilte Abende stattfanden, als der Sommer kam.

 

Aber ich war nicht glücklich. Ich konnte mein Glück, dass mir das Leben vor mir ausbreitete nicht bewusst wahrnehmen. Ich war gefangen von meiner mir zur zweiten Haut gewordenen negativen Sicht auf die Welt. Ich hatte Stress mit dem Intendanten, weil es dem nicht in den Kram passte, dass da plötzlich einer auftauchte, der ihm die Aufmerksamkeit wegnimmt. Anstatt mich in den nächsten Produktionen groß zu besetzen, wie ich es nach meinem Erfolg angenommen hatte, wurde ich drei Monate gar nicht besetzt, sondern hatte freie Zeit. Danach hatte ich einige kleine winzige Auftritte in der Sommerproduktion „Hamlet”, was er selber inszenierte. Die Inszenierung wurde ein Riesenflop, denn er hatte einen jungen gutaussehenden Schauspieler für die Hauptrolle besetzt, der einfach seelisch die Weiten eines Hamlet nicht mit Leben füllen konnte. Und ich ärgerte mich schwarz und grün, denn ich bildete mir natürlich ein, dass ich nach dem Woyzeck natürlich auch den Hamlet spielen kann und sollte. Tat ich aber nicht, ich stand auf der Seitenbühne und wartete auf meinen Auftritt als Totengräber… Jedenfalls hassten wir uns irgendwann, ich glaube er war einfach neidisch, weil er sah, dass ich Talent habe und er nicht…

 

Zunehmend kam ich auch mit dem Gebrauch von Gras nicht mehr klar. Dadurch, dass in der WG viel geraucht wurde und ich einfach nicht nein sagen kann, war ich oft einfach körperlich so alle, dass alles nur noch anstrengend war. Und irgendwann kam ich zu dem Punkt, dass ich morgens bewusst realisiert habe, dass ich keine Lust auf den Tag habe, dass ich überhaupt keine Lust und keine Kraft mehr hatte, etwas aus meinem Leben zu machen. Ich fühlte mich immer mehr aufgefressen von Negativität und innerem Schmerz, den die dauernde Wut und Aggression verursacht hatten.

 

Jedenfalls wuchs in mir der Gedanke, dass ich Ruhe brauche, dass ich mir über mein Leben klar werden muss und möchte und einfach mehr Zeit für mich brauchte. Ich suchte nach einer Wohnung, Geld kam ja regelmäßig, und fand diese Wohnung, die schräge Wände hatte aus dunklem schönen Holz und einen weißen Teppich überall. Aus dem Fenster des riesigen Wohnzimmers konnte man über riesige Wiesenflächen schauen und folgte mit den Augen meinen Weg in die Zivilisation nach Celle. Es war ein wirklich kleines Dorf in dem es nur Bauernhöfe und ein paar Wohnhäuser gab, nicht mal einen Kiosk. Es gab nur eine Bushaltestelle, die ich aber nie benutzte, ich fuhr immer mit dem Rad den Weg vom Haus über die Felder in die kleine Innenstadt von Celle. Ich fuhr vom Land ins Schloss zum arbeiten, machte dort meine Erfahrungen und wenn ich nach Hause kam fuhr ich durch die Felder aufs Land in meine gemütliche Wohnung, in der ich es mir gemütlich einrichtete.

 

Mittlerweile war es Herbst geworden und ich hatte mir zum ersten mal in meinem Leben Zeit und Raum genommen um anzuhalten. Ich saß in meinem großen Wohnzimmer und wusste nicht, wer ich war. ..Alles ging durcheinander in meinen Gedanken. Meine vielen heftigen Erinnerungen aus meiner Kindheit und Jugend kamen hoch und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Als ich einige Wochen dort zu mir kam, beschloss ich, mir Hilfe zu suchen. Ich möchte irgendetwas ausprobieren, was mir hilft, zu mir zu kommen. Ob das ne Therapie sein sollte oder Yoga oder sonst was, wusste ich nicht, fest stand jedoch der Entschluss, etwas ändern zu wollen, weil ich unglücklich war. Ich wollte wissen, was mich unglücklich macht, warum ich immer wieder mit ähnlichen Erfahrungen konfrontiert werde, die mir Kraft aussaugen und die mich leiden lassen. Warum ich mich so verhalte, wie ich es tue…

 

In diesem Moment tauchte Kathrin auf.

 

Heute, nach über 13 Jahren Praxis und Meditation, weiß ich, dass in diesem Moment mein Leben an dem Punkt angekommen war, wo ich bereit war, hinter meine Maske zu schauen, mich mit mir selber zu konfrontieren und mir ehrlich und aufrecht ins Gesicht zu sehen.

 

Kathrin war eine Gastschauspielerin, die für ein Zwei-Personen-Stück im Theater engagiert war und in Oldenburg wohnte. Ich traf sie zum ersten Mal nach irgendeiner Vorstellung in unserer SchauspielerStammPizzeria. Sie kam mit dem Regisseur und einem Kollegen von der Probe.

 
Wir trafen uns dort abends meist, um den Tag abklingen zu lassen, aufn Bier oder so… Kathrin saß mir gegenüber und als ich mich setzte, dachte ich nur „Die kenn ich doch?!” Aber woher… Sie lachte mich an und ich sagte: „Irgendwoher kenne ich Dich! Du kommst mir so bekannt vor…” Und sie sagte, dass sie nicht wüsste woher… Aber es war sehr nett und sofort war ein tolles Gespräch entstanden und ich empfand sie als sehr warmherzig, als sehr klar und mit einem tollen Humor…

 

Aber dann sah ich sie mehrere Wochen gar nicht mehr. Ich hatte Proben und abends Vorstellungen und sie probte und war dann mit der Inszenierung auf dem Land unterwegs und wenn sie nicht spielte, dann fuhr sie zurück nach Oldenburg.

 

Ein paar Wochen später rief mich abends, ich war ziemlich entnervt von einer Probe und generell seit längerem ziemlich schlecht drauf, Ralf an, der Regisseur, der mit der Inszenierung immer mitfuhr und Abendspielleitung hatte. Er fragte, ob Kathrin bei mir übernachten könne, denn sie hatten verpeilt, ihr eine Übernachtung zu organisieren, da es eine Zusatzvorstellung war. Ich hätte doch mein drittes Zimmer, ob sie bei mir pennen könne. Ich lag schon lesend im Bett, es muss gegen 23h oder später gewesen sein, aber da ich am nächsten Morgen, einem Sonntag, endlich mal ausschlafen konnte und der Kühlschrank mit Leckereien gefüllt war, sagte ich, dass das kein Problem sei… Sie kamen dann rum, wir richteten ihr ein Nachtlager und gingen schlafen, weil wir beide sehr müde waren.

 

Am nächsten Morgen wurde ich wach und hörte nebenan so ein Gemurmel, so ein sonores Geräusch. Ich ging in die Küche durch den Flur und hörte nur dieses Geräusch. Man kennt das, wenn man aus der Nachbarwohnung die Waschmaschine brummen hört.

 

Ich deckte den Tisch, es schien die Sonne, der Kaffee war lecker und nach ca. 20 Minuten kam Kathrin aus ihrem Zimmer und sagte lächelnd und strahlend: „Guten Morgen!” Wir frühstückten und quatschten und ich fragte viel, was sie da macht, und wir saßen dort bestimmt einige Stunden und dann wollte ich unbedingt das Chanten auch ausprobieren und wir setzten uns hin, sie holte ihren kleinen Reisegohonzon heraus, und wir machten Gongyo zusammen. Sehr schräg für mich, fremde Laute im Rhythmus mitzusprechen und dabei darauf zu warten, dass ich irgendetwas, irgendeine Energie oder irgendein „Peng” merke.

 

Nach ca. einer halben Stunde waren wir fertig mit der Zeremonie, sie lächelte mich an und beglückwünschte mich zu meinem ersten Daimoku und Gongyo.

 

Sie ließ mir das Gongyoheft da, fuhr zurück nach Oldenburg, und sagte mir: „ Wenn du das drei Monate jeden Morgen und jeden Abend machst, dann wirst du ganz klar eine Antwort auf deine Fragen bekommen, dafür leg ich meine Hand ins Feuer!” Dann empfahl sie mir noch das Buch „Das Rätsel des Lebens” von Daisaku Ikeda, ihrem spirituellen Mentor, zu kaufen und zu lesen.

Ja, so fing ich an.

Ich glaubte nicht daran…, ich war neugierig! Wenn das wirklich stimmt, was mir Kathrin da als Perspektive aufs Leben vorgestellt hat…?! Was dann?! Plötzlich öffnete sich eine Tür und irgendwas in mir sagte: „Geh ruhig durch, du brauchst keine Angst zu haben.” Und ich dachte mir, dass es sicher nicht schaden könne, und, wer weiß, vielleicht hilfts ja wirklich was.

 

Dieser Buddhismus verspricht dir, dass du der Autor, Regisseur, Hauptdarsteller und Kameramann deines eigenen Films gleichzeitig bist. Du hast absolute Verantwortung für alles was in deinem Leben geschieht. „Du bist nicht Opfer, sondern Schöpfer deiner Welt, also schlag ich vor, du machst sie, wie sie DIR gefällt.”, wie die fantastischen „Fantastischen Vier” so fantastisch tiefsinnig formuliert haben!

 

Ich machte also morgens vor meiner weißen Wand dieses verflixte Gongyo und chantete dann noch 20 Minuten. Das nahm ca. eine Stunde morgens in Anspruch, bald konnte ich es jedoch schneller und wurde sicherer, aber ich merkte innerhalb von 2-3 Tagen, das irgendetwas ganz Entscheidendes anders war. Mein Alltag wurde irgendwie heller. Ich fühlte mich leichter, ich hatte lustige Proben, ich hatte zwischendurch auf dem Fahrrad das Gefühl, ich muss einfach loslachen. Ich hätte die Welt umarmen können. Und letztendlich ist es das. Wenn wir Gongyo machen und Nam Myoho Renge Kyo chanten, dann umarmen wir mit unserem Gesang das gesamte Universum, wir durchdringen unser Leben und unsere Umgebung mit unserem Gesang. Das Schriftzeichen „Myo” bedeutet „Öffnen”, „Wiederbeleben”, und „vollkommen ausgestattet sein”. Und genau so fühlte ich mich damals. Es hatte sich etwas geöffnet, ich fühlte mich von Tag zu Tag wiederbelebt und „das vollkommene ausgestattet sein”, nämlich dass ich eine Buddhanatur in mir trage, die zum Vorschein kommen will, erahnte ich wage und war sehr neugierig darauf…”

 

Dies ist ein Auszug aus dem Buch ”Ein Buddha in Berlin” von Sven Fechner, an dem er gerade arbeitet.

 

Hier können Sie in Kontakt zu Sven Fechner treten:

www.svenfechner.com

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