Mission schöner Schreiben

Thomas Hoyer gilt als einer der besten Kalligrafen der abendländischen Schriftkunst

Schreiben 1400: Eine Breitbandfeder kritzelt über das Pergament. Sorgfältig den Sinn der Worte nachempfindend kopiert der Mönch - als einer der wenigen seiner Zeit dieser Kulturtechnik mächtig - den Text und verleiht ihm mit seinen Verzierungen eine persönliche Note. Schreiben, eine Kunst, ein meditativer Akt.

 

Schreiben 2009: Die Finger fliegen über die Tastatur, auf 140 Zeichen komprimiert wird schnell der Stand der Dinge gezwitschert oder gesimst. Ausführlich und in ein paar Sätzen darf´s dann später sein, wenn zehn Minuten Pause zwischen zwei Terminen ist. Schreiben im Akkord, Stakkatostil im Speed der Jetzt-Zeit.

 

Und Typografie 2009? Logos, Schriftzüge und Slogans werden in den gängigen Grafikprogrammen entwickelt, genügend Schriften, die variiert und verändert werden können, sind ja zur Auswahl im Kasten. Manchmal liefert ein handgefertigtes Scribble die ersten Impulse, rein gezeichnet wird aber heute fast immer mit einem Grafikprogramm.

 

Und doch gibt es Ausnahmen. „Wenn ein Kunde bei einem Schriftzug Wert auf Exklusivität und Individualität legt und er mit den heute gängigen Methoden keine befriedigenden Lösungen erzielt, dann werde ich oft hinzugezogen”, sagt Thomas Hoyer. Er ist Kalligraf, hat in den 90er Jahren Grafikdesign mit dem Schwerpunkt Kalligrafie in Aachen studiert, ist einer von circa 15 Menschen, die hier in Deutschland als Kalligraf tätig sind und gilt weltweit als einer der Besten seines Fachs. In der aktuellen Ausgabe des weltweit führenden Fachmagazins „LetterArtsReview” etwa, in der die 50 besten kalligrafischen Werke von ungefähr 800 eingereichten Arbeiten präsentiert werden, wird ihm mit seinen fünf Arbeiten der größte Raum gewährt. „Das ist schon eine Auszeichnung. Normalerweise werden ein bis zwei Arbeiten eines Kalligrafen ausgewählt”, stellt Hoyer fest.

 hoyer

“mein RTL” als Referenz

Einige vorzügliche Referenzen konnte der Kalligraf in den vergangenen Jahren sammeln. Kein geringerer als Europas größter Fernsehsender RTL findet sich beispielsweise auf Hoyers Kundenliste. Der Schriftzug „mein” RTL, der allzeit vor den Werbepausen eingeblendet wird, stammt von Thomas Hoyer. „Eigentlich wollte RTL den Schriftzug inhouse in seiner Grafikabteilung produzieren. Da ist wohl nichts Überzeugendes entstanden. Also erinnerte sich ein ehemaliger Kommilitone an mich und beauftragte mich damit. Ursprünglich sollte der Schriftzug übrigens nur im Rahmen einer dreimonatigen Kampagne zu sehen sein. Er kam aber so gut beim Publikum an, dass er jetzt dauerhaft zu sehen ist”, erzählt der Freiberufler. Auch für das Hamburger Restaurant „Graurocks”, das im vergangenen Jahr ins Finale der Restaurant-Castingshow „Mein Restaurant” kam, hat Thomas Hoyer das Logo entwickelt. Während der Dreharbeiten schmückten Arbeiten zum Thema „Liebe” die Wände des Restaurants. Tim Mälzer staunte und bewunderte die Kalligrafien. Gefallen am Schriftzeichen fand übrigens auch das Publikum, das das Graurocks-Logo im Zuschauer-Voting mit knapp 20 Prozent Vorsprung vor allen anderen als das beste bewertete. „Eine schöne Bestätigung, dass auch heute noch eine liebevoll gefertigte Manufaktur anerkannt wird”, befindet Hoyer. Für das Auswärtige Bundesamt, die Mayersche Buchhandlung und den WDR hat der Designer ebenfalls bereits gearbeitet, ebenso wie für Privatpersonen, die zum Beispiel für Hochzeiten oder andere große Feste persönliche, handgeschriebene Einladung wünschen.

 

Entschuldigungsbriefchen

Sein Faible für die Kunst des Schreibens hat Thomas Hoyer bereits früh entdeckt. Mit zwölf Jahren tippte er eifrig auf einer Schreibmaschine herum, fertigte Collagen an. Mit 17 gestaltete er mit der Bandzugfeder, die sein Vater noch im Schulunterricht gebraucht hatte, seine erste Weihnachtskarte. „Eins meiner skurrilen Hobbys in der Oberstufe war es, meine Entschuldigungen selbst zu gestalten, sobald ich das konnte. Für den Lehrer mit Humor zeichnete ich Comics; für die Spanischlehrerin mit einem Hang zur Romantik schrieb ich blumig und verzierte das Geschriebene mit Drachen und weiteren Fabelwesen; mein Deutschlehrer bekam meine Entschuldigung in Sütterlinschrift”, erinnert sich Hoyer. So war es klar, dass es für Hoyer nur ein Berufsziel gab: Er wollte Kalligraf werden. Unbedingt. Sechs Anläufe brauchte Hoyer - heute einer der renommiertesten Kalligrafen weltweit -, bevor er mit seiner Mappe an der Fachhochschule Aachen im Studium des Grafik-Design aufgenommen wurde. „Das zeigt, dass ich das wirklich wollte und hartnäckig darauf beharrte. Beim letzten Anlauf hat mein späterer Professor Werner Eikel meine Arbeiten begutachtet und mir Tipps gegeben, welche Arbeiten am besten in meine Mappe passen” führt Hoyer aus.

 

Der Blick nach Japan und in die USA
In Deutschland und Europa führt die Kalligrafie ein Schattendasein. In anderen Kulturen sieht das ganz anders aus. „In Japan beispielsweise gehört es zum guten Ton, Kalligrafie zu betreiben. Jeder ambitionierte Politiker, der groß rauskommen will, lässt sich ablichten, während er kalligrafisch tätig ist. In Deutschland wäre eine schön schreibende Bundeskanzlerin Merkel undenkbar”, gibt Hoyer ein Beispiel. Selbst in den USA ist die Kalligrafie bekannter; Kalligrafen werden oft gefragt, Karten für Hochzeiten oder andere festliche Anlässe zu gestalten. Hoyer reist übrigens selbst einmal jährlich in die USA, um sich dort fortzubilden und als Dozent bei der „International Conference of the Lettering Arts” aufzutreten.

 

Der Reichtum direkt vor der Haustür

Obwohl die Kunst des Schreibens in anderen Kulturen ein höheres Ansehen genießt, bleiben die Schriften aus dem europäischen und nordamerikanischen Raum Basis und Ausgangspunkt der kalligrafischen Arbeiten von Thomas Hoyer. „Vor anderen Schriftkulturen aus Asien oder dem Arabisch-Orientalischen habe ich großen Respekt. Ich kenne die Kulturen und beherrsche die Sprachen einfach zu wenig, als dass ich mich in diese Schriften einfühlen und den Worten damit einen wie immer gearteten Ausdruck verleihen könnte.” Und der Trend, zu Zwecken der Meditation, chinesische oder japanische Schriftzeichen zu kalligrafieren, wundert Thomas Hoyer ein wenig: „Allein unsere abendländische Schriftkunst weist so viele Facetten und Ausdrucksmöglichkeiten auf, dass ein Menschenleben zu kurz ist, sie alle kennen zu lernen. Der Reichtum steht direkt vor unserer Haustür. Dazu brauchen wir nichts aus anderen Kulturen zu adaptieren. Und das Schreiben abendländischer Schriften ist mindestens genauso meditativ.” Und was ist überhaupt das Besondere an Handschriften, warum „gewinnen” sie gegenüber Logos? „Handschriften haben eine Ausstrahlung, etwas Einzigartiges, Individuelles. Immer schimmert die Seele des Menschen durch, der die Worte beschreibt. Das macht Handschriften lebendig, belebt. Und das spürt derjenige, der sie wahrnimmt. Das schafft kein einziges Font auf dieser Welt.”

 

Mehr über Thomas Hoyer erfahren Sie auf seiner Website unter www.callitype.de

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0 Kommentare und 1 Trackback/Pingback

  1. 1. Same procedure: Weihnachten 0815? - Kulissenblog

    Pingback vom 22. Oktober 2009 um 06:44

    [...] das Logo „mein RTL”. Mehr über Thomas Hoyer erfahren Sie in unserem Blogpost über ihn: http://www.kulissenblog.de/mission-schoner-schreiben - und kontaktieren können Sie ihn [...]

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