Meine Suppe Essig nicht! Der Platzhalter-Blues
20. Oktober 2009 von Stephanie Ristig-Bresser | kein Kommentar
Zugegeben, diese Überschrift ist ebenfalls ein Platzhalter. Sie klingt hoffentlich interessant, kurios und soll in diesen Text locken, hat mit dem Thema, über das hier schreibe, aber wirklich herzlich wenig zu tun. (Bitte, lesen Sie trotzdem weiter!) Der Platzhalter-Blues erreicht mich immer dann, wenn ich gerade keine Zeit habe, andere Prioritäten setze, obwohl da auch eine schönere Sache lockt. Sorry, keine Chance, geht grad nicht. Doch still und heimlich weint es dann in mir. Ich würde ja doch so gern…
Der Platzhalter-Blues ist mir schon so einige Male in meinem Leben begegnet. Aber an dieses eine Mal denke ich ganz besonders zurück, und deswegen will ich diese Geschichte aufschreiben…
Es muss vor etwa zehn Jahren gewesen sein. Ich war ganz versunken in eine Sache, die so wichtig war, dass ich heute nicht mehr weiß, um was es ging. Vermutlich war ich einmal mehr dabei, eine Pressemitteilung zu schreiben, von der ich bereits vorher wusste, sie würde von mindestens sieben Personen noch einmal redigiert werden. Plötzlich klingelte das Telefon -wahrscheinlich ein Drängler, der endlich den Text haben wollte.
Aber Nein: Am anderen Ende meldete sich Steini. Dirk Steinborn, ein ehemaliger Mitbewohner meines Ex-Freundes, vor ein paar Jahren aus den Augen verloren. Der Steini, der den besten Zwiebelkuchen buk, der auf WG-internen Parties immer am lautesten tönte, uns aber genauso gut früh am Morgen mit seinen Clogs (sic!!!) aus dem Bett polterte. Steini, der das typischer MaschBau-Ing-Klischee erfüllte: Monatelang lag genau dieselbe TV-Zeitschrift mit einer prallen, nahezu barbusigen Blondine auf dem Titel neben seinem Bett und jeder wusste genau, warum… Denn eine Freundin, die hatte Steini nicht. Was für eine Zeit: Monatelang, während der Semesterferien lebte ich mit meinem damaligen Freund auf 12 qm (nochmal sic!!!) in eben dieser Maschbau-Ing-WG zusammen - und alles war gut, kein Platzproblem. Er lernte für Klausuren, ich machte Praktikum bei PR Nord (GPRA)… 12 qm… Undenkbar heute…
Dieser Steini rief mich also an. Er hatte im konzernweiten Outlookverteiler nach alten Freunden gestöbert und war auf mich gestoßen. Er berichtete stolz, dass er einen Teil des neuen Motors des Audi TT mitentwickelt hatte und schlug vor, wir könnten ja am Wochenende mal ne Spritztour machen. Das wär doch schön… Ich freute mich, fand den Vorschlag klasse, beendete das Telefonat aber rasch, die Deadline für den ersten PM-Entwurf war ja in zehn Minuten…
Einige Zeit später dachte ich wieder an Steini. Das Telefon klingelte ins Leere. Also Mail. Keine Antwort. Mehrere Tage verstrichen. Also Claus anrufen, der ist doch so eng mit Steini, vielleicht weiß ja der… Zuerst plänkelten wir ein wenig, dann die alles entscheidende Frage: „Weißt Du, wo der Steini steckt? Er hat mich neulich angerufen, und ich erreiche ihn seit Tagen nicht…” Schweigen. Claus Stimme klang belegt, als er schließlich reagierte. „Scheiße… Steini, der ist leider nicht mehr da. Weißt Du, er hatte vor zwei Wochen einen Unfall…”
Aus ist die Geschichte jetzt, meine Platzhalter-Geschichte. Sie will nicht moralisieren, nicht wach machen. Sie will nicht so daherkommen wie diese Mails: „Seize the day, carpe diem, nutze den Tag. JETZT. Du könntest ja tot sein morgen.” Sie ist einfach da. Und sie ist für Steini geschrieben. Und für mich. Und Dich. Weil gerade jetzt der Platz dafür war.
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