Türchen No. 9: Macht Worte! Bekenntnisse eines Beatpoeten…
9. Dezember 2009 von Stephanie Ristig-Bresser | kein Kommentar
Moderator, Autor, Journalist Jan Egge Sedelies im Interview
Ich habe Lesungen besucht. Richtig Gute. Von Nobelpreisträger Günter Grass, Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre, dem satierenden Max Goldt undundund. Das war alles ganz nett. Bis ich einmal auf einem Poetry Slam war… Auf einem Poetry Slam wird Literatur lebendig, ein Poetry Slam ist Baden in Worten. Ein Poetry Slammer darf alles sein: begeistert, tottraurig, verrückt, hochpoetisch, wortgewaltig, dumpf-reimig, anarchistisch, hochpolitisch und auch ruhig mal dilletantisch (geklatscht wird aber trotzdem). Poetry Slam macht Lust darauf, mit Worten zu spielen, Geschichten zu spinnen, loszulegen. Ich rate jedem, der ”irgendwas mit Worten macht” mal einen Poetry Slam zu besuchen und sich inspirieren zu lassen.
Doch jetzt mache ich nicht mehr viele Worte, sondern lasse gleich Jan Egge Sedelies zu Wort kommen. Lies mal, was er zu sagen hat.
Seit 2004 veranstaltest Du gemeinsam mit Henning Chadde den Poetry Slam „Macht Worte!”, der ca. einmal im Monat in der Faust stattfindet. Wie bist Du zum Poetry Slam gekommen?
Ich war 2000 in einer Kneipe in Lehrte und wollte unbedingt mal ein Offenes Mikrofon dort veranstalten, wie ich ein solches vorher in der Glocksee erleben durfte. Einen Tag später bekam ich einen Anruf von einem Tobias Kunze, der der Kneipenbesitzerin genau dieselbe Frage gestellt hatte. Also schlossen wir uns zusammen und luden mit ein paar Kumpels zum ersten Open Mic - und fast 90 Leute und 15 Autoren und Musiker folgten. Also machten wir weiter in der Korn, im Stumpf, im Kulturpalast, in Waschsalons in der Südstadt oder direkt in der Innenstadt am Schillerdenkmal. Wir besuchten regelmäßig den Poetry Slam “Slam & Lounge” von Kersten Flenter im Gig und als Kersten keine Lust mehr hatte, wollten wir eigentlich die erste Stadt werden, in der Bewertungen keine Rolle spielen. Es kam natürlich anders. Und mit der Untersützung von Tobias Kunze luden Henning Chadde und ich bald zum ersten Macht Worte!-Slam in die Faust, eben in jene Hallen, in der der erste Poetry Slam 1995 in Hannover stattfand.
Was ist für Dich das Besondere am Poetry Slam?
Wie beschrieben komme ich aus der Open-Mic-Szene, in der alles erlaubt war und jeder Abend anders verlaufen konnte. Als es noch keine vom Fernsehen übertragenen Slams und keine großen Fördergelder gab, traf sich auf den Slams die bunte Szene, denen es Spaß machte, die Möglichkeiten der Literatur auszuloten. Die Leute zogen sich aus, performten Da-Da-Texte, beschimpften Politiker und riefen zu Hausbesetzungen auf. Andere lasen Blümchenlyrik oder klassische Kurzgeschichten. Es war ein unglaublich breites Literaturspektrum. Das fasziniert mich bis heute, auch wenn sich viele Slammer darauf eingestellt haben, möglichst poinitierte Prosa zu performen. Zumindest das Themenspektrum ist immer noch breit.
Welches war der beste Poetry Slam, auf dem Du bisher warst?
Keine Ahnung. Dafür habe ich zu viel gesehen. Neulich war ich in Heidelberg und erlebte an einem Abend lustige Texte über Schweinegrippe, eine Theater-Beatbox-Miniatur, ein verträumtes Poem zur Rettung der Welt und nachdenklich stimmende Prosa über sexuelle Gewalt. Vortragskunst mit inhaltlich echten Geschichten. Ich war begeistert.
Im letzten Jahr hat Sarah Kuttner mit ihrer Poetry Slam-Tour auch bei Euch Station gemacht. Erzähl mal ein bisschen was dazu.
Kuttner hat eine Reihe für SAT 1-Comedy gemacht, bei der sie einige Slams in Deutschland vorgestellt hat. Hannover war der Auftakt und Kuttner kam mit zig Kameramännern. Alles wurde verkabelt, ausgeleuchtet und Henning und ich gaben ein Interview beim Schützenverein Limmer, weil Kuttner Hannover mit dem größten Schützenfest verband. Nun ja. Sehr lustig. Zum Slam kamen dann auch glatt 350 Leute und wir mussten etwa 100 Leute nach Hause schicken. Die Sendung über Hannover ist wunderschön, intim ausgefallen und Kuttner hält sich zugunsten der Slammer zuück. Ausschnitte von Mirco Buchwitz bis Tobias Kunze kann man sich bei Youtube anschauen. Für Macht Worte! war es ein großer Anschub. Seitdem Kuttner da war, wurde der Slam in der ganzen Stadt wahrgenommen und ist nun die größte Literaturveranstaltung Hannovers.
Anm: Und so sah das aus - hier der Auftritt von Tobias Kunze. Schauen Sie rein - Sie werden hören und sehen, wie viel Spaß der spielerisch-verrückte Umgang mit Worten machen kann. In meinen Augen ist das hohe Kunst:
Neben Deiner Moderatoren-Tätigkeit schreibst Du selbstverständlich auch selbst. Erzähl mal ein wenig über Deine Projekte. Und: was entsteht gerade?
Ja… ich scheib Gedichte und lese sie bundesweit vor. So kann man das sagen. Ich hab Lesetouren von Eckernförde bis Zürich gemacht und den Gedichtband “niemals so ganz” veröffentlicht, der ganz gut besprochen wurde.
Derzeit konzentriere ich mich aber fast ausschließlich auf die Beatpoeten, ein Performance-Elektro-Projekt, bei dem Gedichte zu Liedtexten werden und Lesungen zu Konzerten. Das macht tierisch Spaß, und wir - Musiktüftler Costa Carlos Alexander und ich - spielen mittlerweile auf großen Festivals und geben jede Woche zwei Konzerte. Im März rocken wir die Leipziger Buchmesse. Stagediven zu Lyrik ist echt mal was anderes.
Und wie sich das geht, siehst und hörst Du hier - leider eine ein wenig schlechte Qualität:
Wie würdest Du Deinen Schreibstil beschreiben?
Unruhig, klar, eingängig, hoff ich. Jaja, und selbstironisch.
Gerade verdienst Du Deine Brötchen als Journalist, bist fester-freier Redakteur bei der HAZ. Was waren die bisher witzigsten / spannendsten Stories, die Du für die HAZ gemacht hast?
Ich mag am liebsten Porträts und durfte Herbert Feuerstein bis Ulrich Wickert treffen. Am am spannensten fand ich persönlich Rainer Langhans, der mir erklärte, warum er sich wöchentlich mit vier Frauen zum Reden traf und wie verblendet er mitunter 1968 auch in der Kommune 1 wahrgenommen wurde. Von den Reportagen mochte ich die über Streetrt auf dem alten Conti-Gelände, auf dem ganze Galerien entstanden sind. Lustig war auch die Geschichte über Tourist-Jogging, eine Art Stadtführung für Sportler, der ich mich leider auch unterziehen musste.
Was willst Du in einigen Jahren machen? Als Schriftsteller arbeiten, als Journalist, als Moderator - alles zusammen? Was ist Deine Vision?
Oha, Visionen. Ich möchte alles: moderieren, auftreten, schreiben. Ich mag es, unterwegs zu sein und mich vielfältig auszudrücken. Ich liebe es montags ein Tango-Festival zu moderien, dienstags ein Punkkonzert zu besuchen und dann wieder über Wildtiere in Innenstädten zu recherchieren.
Welche literarischen und/oder journalistischen Vorbilder hast Du?
Nochmal oha. Erich Fried, Peter-Paul Zahl, Dario Fo. Sie alle weben aktuelle gesellschaftliche Entwicklung in ihre Kunst ein.
Deine Lieblingsbücher und Lieblingsautoren?
Lieblingsbücher? So ziemlich alle Gedichte von Brecht, Fried, Zahl. Von Böll “Ansichten eines Clowns”, “Unterwegs” von Jack Keroauc, “Monument für John Kaltenbrunner” von Tristan Egolf. Ich liebe den “Nachtzug von Lissabon” von Pascal Mercier wie “Betty Blue” von Philippe Djian.
Deine Spekulation: Wie wird sich die Literaturszene mit dem Thema Web 2.0 verändern?
Ich glaube nicht, dass sich Literatur verändert. Spannende Geschichten bleiben spannend, auch wenn sie vielleicht im Netz schneller und überall zu lesen sind und Menschen sich dazu andere Enden, etc. ausdenken. Die Geschichten bleiben diesselben. Für Autoren ist es vielleicht sogar einfacher Leser zu finden, wobei die Zahl der selbst ernannten Autoren durch das Netz auch steigt und es schwerer wird, sich von ihnen abzuheben. Ich bin gespannt, wie sich das Rechercheverhalten über die Jahre ändert. Ich hoffe nicht, dass junge Autoren Städte nur noch googeln, statt dorthin zu reisen.
Wie verbringst Du Weihnachten?
Keine Ahnung.
Was wünschst Du Dir zu Weihnachten?
Ich brauch endlich einen MP3-Player, der so viel Musik speichert, dass ich im richtigen Moment immer die richtige Musik habe.
Was sind Deine Pläne fürs nächste Jahr?
Die Beatpoeten nehmen die zweite Platte auf, ich schreib am zweiten Gedichtband, wir wollen die Leipziger Buchmesse rocken wie das Fusion-Festival und ich brauch dringend Urlaub - und hoffe, Zeit dafür zu finden.
Und jetzt gibt es noch ein PS. Post Skriptum schreibe ich, der Jan Egge Sedelies hat übrigens in diesem Jahr den Stadtkind-Literaturpreis gewonnen. Viel Glück, Freude und Erfolg Jan, in diesem und nächsten Jahr bei all Deinen Vorhaben!
Werke von und mit Jan Egge Sedelies kannst Du hier bestellen:
Den Gedichtband “Niemals so ganz” gibt es direkt beim Zeter und Mordio - Verlag für Nebenwelten oder aber bei Amazon
Das Audiobook der Beatpoeten “Unterwegs” gibt es bei Amazon
Eine Besprechung der beiden Medien kommt irgendwann demnächst auf Kulissenblog.
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