Türchen No. 7: “Jetzt wird´s fetisch!”

Die Spurenleserin: Ein Gespräch mit Sexualtherapeutin Heidrun Müller

 

Du bist als Gestalt-Therapeutin tätig - u.a. im Bereich Sexualtherapie. Zuvor warst Du als Pädagogin im Bereich Drogen- und Integrationsberatung beschäftigt. Wie ist es dazu gekommen, dass vermehrt Klienten mit sexuellen Themen zu Dir kommen? Wie unterstützt Du sie dabei, Ihre Anliegen zu lösen?

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Heidrun Müller

Ich bin von Haus aus Pädagogin mit mehreren Zusatzausbildungen. Dazu gehören unter anderem eine gestalttherapeutische Ausbildung, eine Ausbildung in Sucht- und Präventionsberatung, Weiterbildungen im Bereich Familien-, Gesprächs- und Sexualtherapie, Psychodrama, und, und, und … arbeiten und immer weiter und wieder lernen, was ja im Alter von 53 Jahren nix besonderes ist. Zur Zeit mach ich zum Beispiel eine NLP-Ausbildung.

Momentan arbeite ich fast ausschließlich als Sexualcoach mit einem sehr speziellem Klientel. Da ich mich selbst seit Jahren in der Fetisch- und BDSM-Szene bewege, sowohl bi- als auch polysexuell bin und lebe, ergab es sich wie von selbst, dass mich vermehrt Menschen ansprachen, die mit ihren Neigungen in irgendeiner Weise „Probleme” bzw. einen gewissen Leidensdruck hatten und mir vertrauten. Anscheinend bin ich verdammt gut in dieser Art von Begleitung und Zusammenarbeit. Das sprach sich rum und irgendwann entschied ich mich dazu, dies wieder professionell anzubieten.

Meine Klienten kommen oft zu mir mit dem Wunsch „mach es weg!”, oder sie kommen zu mir mit der großen Sehnsucht nach Ausleben und endlich SoSeinDürfen, und finden allein den Weg nicht. Manche kommen auch, weil sie sich in der Szene nicht zurecht finden und ahnen, dass sie sich da etwas antun bzw. versuchen zu sein, was sie eigentlich gar nicht sind. Sie wollen Zärtlichkeit , Liebe, Versorgung, Achtung und Aufmerksamkeit und meinen dieses nur bekommen zu können, wenn sie sich masochistisch oder devot geben. Manche leiden unter der von ihnen vermuteten „Perversität” ihrer sexuellen Wünsche und Fantasien. Andere haben im höheren Alter noch niemals irgendwelche sexuellen Erfahrungen gemacht und andere haben in ihrer Beziehung einen momentanen sinnlichen Leerlauf. Die Beweggründe mich aufzusuchen sind immer vielfältig und immer einzigartig, so wie eben jeder Mensch halt einzigartig und etwas ganz Besonderes ist.

Dementsprechend sieht auch meine Arbeit und Begleitung aus. Individuell und immer genau auf diesen einen speziellen Menschen angepasst. Durch meine Lebenserfahrungen und meine vielen Aus- und Weiterbildungen verfüge ich über eine ziemlich große „Werkzeugkiste” und in die greife ich dann rein und finde für jeden Menschen das Passende.

 

Gibt es Grundsätze in Deiner Arbeit? Mit welchen Menschen arbeitest Du beispielsweise zusammen, mit welchen nicht?

Ich arbeite heute grundsätzlich nur mit Menschen zusammen, die nicht psychisch-pathologisch „krank” sind. Menschen, deren Kern in meiner Welt und von mir als gesund und stabil angesehen wird. Die sich nach meinem Verständnis nur ein wenig, oder auch mehr, verheddert oder verlaufen haben und alles Lösende in sich tragen und nur den Zugang gerade nicht finden. Menschen, die eine medikamentöse Unterstützung, ambulante Betreuung oder gar einen Klinikaufenthalt benötigen, werden von mir in kompetente Hände weiter empfohlen/begleitet.

Sexualität und Sinnlichkeit haben in meiner Welt unendlich viele Facetten. Gemeinsam erarbeite ich mit den Klienten einen Blick auf diese Vielfältigkeiten und übe und erprobe eine spielerische Flexibilität in den eigenen Denk- und Handlungsmuster. Das Wahrnehmen von unzähligen Wahlmöglichkeiten ist immer Teil der gemeinsam erarbeiteten Zielsetzung.

Wer mit mir zusammen arbeitet, dem gehört meine Aufmerksamkeit. Deshalb stehe ich meinen Klienten auch rund um die Uhr zur Verfügung.
Ich bin nicht finanziell abhängig von meiner Arbeit mit den Klienten. Deshalb nehme ich immer nur so viele Klienten an, dass ich jedem die Achtsamkeit und Aufmerksamkeit, die individuell benötigt wird für eine zügige und kompetente Zielerreichung, zukommen lassen kann.

 

Welche Möglichkeiten gibt es, sexuelle Grenzerfahrungen, zum Beispiel, Vergewaltigungen oder Kindesmissbrauch aufzulösen?

Hier gibt es immer zwei Seiten - die des Opfers und die des Täters. Zum Umgang und zur Hilfe mit den “Opfern”: Um innerlich damit klar zu kommen, gibt es nur einen Weg- das Opfer muss irgendwann an den Punkt kommen und so stark und selbstbewusst sein (gelernt und begleitet auf vielen Ebenen), dass es den Täter “innerlich” los läßt. Alles andere sind nur Heftpflaster, die sich wieder und wieder lösen und die Wunden aufbrechen lassen.

Zum Umgang und zur Hilfe für die Täter: Einsperren, Wegschließen, Therapieren … so wie es heute schon gemacht wird. Nur, was fehlt: der individuelle Weg. Betreuung, Begleitung, Beurteilung entsprechend der individuellen Ausgangslage. Langfristig, intensiv, auf diesen besonderen, einzigartigen Menschen bezogen. Es fällt auf: der Täter ist heute in der Regel nur in zwei Momenten wirklich interessant, auch für die Forschung: im Moment seines Prozesses und im Moment seiner Wiederholungstat. Der Mensch interessierte weder vorher noch dazwischen noch nachher ….
Ich habe mit Menschen “gearbeitet”, die ihre Kinder geschändet haben. Ich habe in solch einer Situation mein Gegenüber oft als verzweifelten Menschen erlebt, als hilflos, zerrissen - und er oder sie hatte meine ganze Aufmerksamkeit und auch mein Mitgefühl. Und ich habe mit den Kindern gesprochen und sie begleitet… und die toten Kinder gesehen… und sie hatten meine ganze Liebe und mein tiefstes Mitleid. Ich war und bin zerrissen von Traurigkeit, unbändigem Zorn und ja, vielleicht auch Hass.

Und nein, ich bin kein “Opfer” und nein, ich bin keine “Täterin” in direkter Form. Ich kann mir weder anmaßen, die eine noch die andere Seite wirklich, reziprok wahrzunehmen. Ich kann nur mit dem denken und arbeiten und mich durchtasten, was ich von beiden Seiten offenbart bekommen habe. Und Lösungen, fertige, für alle geltende, die habe ich nicht. Und wenn ich sie einmal zu habe dächte, dann wäre mir vor mir selbst gruselig und ich würde sie gleich wieder auf den Müll schmeißen.

 

 

Das Logo der Spurenleserin

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Mit welchen weiteren Themen kommen Deine Klienten zu Dir?

Eine besondere Gruppe unter meinen Klienten sind die „Absolute Beginners”. Dabei handelt es sich um erwachsene Menschen ohne sexuelle Beziehungserfahrung. Kennzeichnend ist dabei die Unfreiwilligkeit dieses Erfahrungsmangels und das Leiden unter demselben. Mit zunehmendem Alter wird dieses Leiden, welches oft verbunden ist mit Scham, Hemmungen und Verheimlichung, größer und manchmal unerträglich. Die Zusammenarbeit und Begleitung ist besonders hier immer absolut individuell und geht über Körperarbeit, Stärkung der Selbst- und Fremdwahrnehmung, Förderung des Selbstbewußtseins bis hin zu begleitenden Schritt für Schritt Übungen im Kontaktbereich.

 

 

Welche sexuellen Praktiken gehen Deiner Meinung nach gar nicht? Wo sind Grenzen?
Jedwede Form von Sexualität und Sinnlichkeit beruht immer auf der Freiwilligkeit und der Einvernehmlichkeit von allen Beteiligten. Ansonsten ist es Gewalt, Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung, Vergewaltigung und damit ein Straftatbestand.

Freiwilligkeit ist das zentrale Stichwort und in diesem Begriff steckt der “freie Wille” jedes Beteiligten: weder aus Not, noch aus Abhängigkeit, weder aufgrund von Erpressung, noch aufgrund von sonstigen Nötigungen und Zwängen entscheidet sich jeder einzelne Mensch bei klarem Verstande dazu Sexualität in der von ihm gewählten Form auszuleben.

Sexualität mit Minderjährigen und Abhängigen im obigen Sinne sind in meiner Welt absolute Nogo´s.

 

Wie sieht ein “gesundes” Sexleben aus?
Ohne hier in einen Diskurs über den Begriff der „Gesundheit” einzutreten, ist in meiner Welt ein erfülltes Sexualleben vor allem durch Freiwilligkeit, vielfältigste Wahlmöglichkeiten, Einvernehmlichkeit, Flexibilität, Eigenverantwortung und Genuss aller Beteiligten gekennzeichnet. Alter, Geschlecht, Neigung und Beziehungsformen spielen dabei für mich nur eine marginale Rolle und kommen eher bei der jeweiligen Auswahl der Sexualpartner zum Tragen.

 

Was müsste sich Deiner Meinung nach an unserer Erziehung ändern, damit wir ein gesundes Verhältnis zu unserer Sexualität entwickeln können?
Och, es würde schon langen, wenn die Grundannahmen des Konstruktivismus als verbindlich in den Wertekanon unser Gesellschaft einfließen würden. Sexualität ist ja nichts historisch-gesellschaftlich-kulturell Losgelöstes. Prägend ist da ja, neben den allgemeinen aktuellen Werten, auch das gesellschaftlich tragende Menschenbild, die bevorzugte Beziehungsform und die Stellung von Menschen, die anders sind und leben.
Letztendlich geht es unterm Strich wieder nur darum: Macht Kinder stark, selbstbewußt und reflexionsfähig. Seid ihnen lebendige und anfassbare Vorbilder in den Werten, die ihr ihnen Tag für Tag vorgebt. Lebt das, was ihr predigt und haltet es aus, dass die nächste Generation sich daran reibt und angstfrei kritisch hinterfragt und ihre eigenen Wege sucht und findet. Dann klappt das auch mit der Sexualität.

 

Wie gefällt Dir der Roman „Feuchtgebiete” von Charlotte Roche?
Ich fand ihn langweilig und ermüdend in seinen ständigen sprachlichen Wiederholungen. Viel Text, wenig Inhalt. Keine angebotene Möglichkeit der reziproken Wahrnehmung der Akteurin. Irgendwie ging mir beim Lesen immer Mario Barth durch den Kopf und der Gedanke, dass ein Tabu-Thema sich durch kollektives Kichern über vermeintlich Ekliges nicht auflösen wird. Eher im Gegenteil. Das Objekt des Ekels bleibt ja als solches mit dem Attribut „eklig” weiterhin verbunden. Ein netter Versuch, aber vom Effekt her eher ein kurzlebiges Geklingel in der Kasse und ein bissl Abbau des Aufmerksamkeitsdefizites bei der Autorin.

 

Jetzt mal weg vom Thema Sex. Welche weiteren Themen liegen Dir am Herzen?
Ich arbeite nebenbei und ehrenamtlich immer wieder mit Menschen zusammen, die aus diesen und jenen Gründen in unserer Gesellschaft auf Hindernisse in der persönlichen Entwicklung und Entfaltung stoßen. Themen und Projekte sind da unter anderem: Coaching und Begleitung von Jugendliche ohne Schulabschluß und Ausbildung, Begleitung und Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen, Altern und Alter, Schuldnerberatung und Prävention.
Außerdem schreibe ich Kinderbücher, erotische Kurzgeschichten, Romane und Sachtexte zu den verschiedensten Themen.

Schwerpunkt und Motivation in all diesen Projekten ist mein Wohlwollen und meine Liebe zu mir und zu allen anderen Menschen. Mehr läßt sich darüber eigentlich gar nicht sagen.

 

Was möchtest Du in fünf Jahren machen? Wo möchtest Du sein?
In fünf Jahren bin ich genau dort, wo ich im dannigen Hier und Jetzt halt sein will. Und ich werde genau das tun, was ich dann eben tun will. Anders kann ich es nicht ausdrücken, weil es im Vorherigen und im Jetzigen halt auch so ist. Ich bin immer dort, wo ich sein will und tue immer das, was ich tun will. Sonst würde ich nicht da sein und es auch nicht tun. Was dies konkret in fünf Jahren sein wird - das weiß ich jetzt noch nicht, weil alles immer im Fluß ist und Zeit eine sehr subjektive Wahrnehmung. Fünf Jahre ist mir viel zu lang und ich mag mich nicht einschränken und beschneiden, indem ich mich auf so einen langen Zeitraum festlege mit irgendwelchen Zielen und Plänen.

 

Was wünschst Du Dir zu Weihnachten?
Das, was ich auch bekommen werde: alle meine Lieben werden um mich sein und es wird gekichert und gelacht und geredet und gegessen und, und, und… Ein Tag des Zusammenseins halt, wie es viele im Laufe eines Jahres halt gibt.

 

Welche Pläne hast Du fürs kommende Jahr?
Die autobiographischen „Tagebücher des Nichts” werden veröffentlicht werden. Ich werde einige Workshops anbieten und endlich einen Persönlichen Assistenten finden, der/die es mir ermöglicht meine Zeit nicht mehr mit Dingen zu verplempern, die ich eh nicht kann und die mir auch nicht liegen. Zwei Buchprojekte stehen noch offen und unendlich viele Karteikarten warten darauf endlich in Texte einzufließen. Außerdem werde ich mich zu meiner Freude und meinem Genuss um meine Stimm- und Sprechausbildung kümmern. Och, und dann wird sicher noch das eine oder andere plötzlich unerwartet vor mir auftauchen und um Aufmerksamkeiten bitten und flehen.

 

Was möchtest Du in Deinem Leben unbedingt erlebt haben?
Unabhängig von hehren Zielen wie Weltfrieden und keinen Hunger mehr und Gesundheit und Gerechtigkeit für Alle und Jeden und überhaupt: Fallschirmspringen, Tauchen in der Südsee und so lange auf einem Felsen sitzen und Wale beobachten, bis ich keine Lust mehr dazu habe.
Und dann, so in vierzig oder fünfzig Jahren, Leben und Sterben in Rom.

 

 

Gibt es ein Motto, das Dir besonders gefällt?

Dieser Spruch von Ron Smothermoon aus seinem ”Drehbuch für die Meisterschaft des Lebens” begleitet mich schon seit Jahren:

Sie sind schon für Ihr Leben verantwortlich, vollständig. Die einzige Frage ist: „Werden Sie das anerkennen?”

Und da in diesem Leben, die Auslösung des Widerspruches von Stolz und Demut, meine Aufgabe ist, dies von mir:

Nur wer sich selbst wertschätzt, um die eigenen Widersprüche und um sein inneres Chaos weiß und sich gerade deswegen wohlwollend und liebevoll im Spiegel betrachten und annehmen kann, wird sich in Demut beugen und voller Stolz aufrecht gehen können.

 

Vielen Dank für das Gespräch!


2 Kommentare und 1 Trackback/Pingback

  1. 1. Sven Fechner

    Kommentar vom 7. Dezember 2009 um 11:46

    Schwerpunkt und Motivation in all diesen Projekten ist mein Wohlwollen und meine Liebe zu mir und zu allen anderen Menschen. Mehr läßt sich darüber eigentlich gar nicht sagen.

    Klasse! Tolle Frau!
    Gruß aus Berlin,
    Sven Fechner

  2. 2. Stephanie Ristig-Bresser

    Kommentar vom 7. Dezember 2009 um 21:49

    Lieber Sven,
    wie wahr, wie wahr…
    Lieben Gruß
    Steffi.

  3. [...] bekommen? Ganz tolle! Vielen lieben Dank und eine ganz herzhafte Umarmung an die Fragesteller Heidrun (Türchen No. 7), Ilona (Türchen No. 2), Susanne (Türchen No. 18) , Ludger (Türchen No. 15) und Michael [...]

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