Türchen No. 5 “Ich mach was mit Büchern…”

Leander Wattig darüber, was er denn so mit Büchern macht

 

Es gab Zeiten, da waren Bücher Heiligtümer. Nur einige wenige Menschen, Kleriker zumeist, waren des Lesens und des Schreibens mächtig. Ein Buch zu kopieren oder sogar selbst eines zu schreiben, war ein sakraler Akt. Dann gab es Zeiten, da lösten Bücher eine Revolution aus. Man sagt, der Erfindung des Buchdrucks sei die Reformation zu verdanken. Heute ist die Zeit, in der Bücher unsere selbstverständlichen Begleiter sind, manche von uns lesen mehrere Bücher parallel. Über 90.000 Buch-Neuerscheinungen gibt es allein in Deutschland; der deutsche Buchmarkt erwirtschaftete in 2008 9,6 Milliarden Euro (Quelle für die Zahlen in diesem Satz: Börsenverein des Deutschen Buchhandels). Und doch: Für uns ist ein weiteres Medium inzwischen sehr selbstverständlich geworden: das Medium Internet. Amazon zeigt mit seinem Kindle, wie “Bücher” wohl in Zukunft aussehen könnten.

 

leanderwattig

Leander Wattig

“Ich mach was mit Büchern…” Mit dem Buchmarkt der Zukunft beschäftigt sich der 1981 in Greifswald geborene Buchhandelswirt Leander Wattig. Seit 2007 ist er als Consultant bei Unternehmensberatung für digitale Medien, content press, und berät vorrangig Unternehmen der Medien- und Verlagswirtschaft, die die Chancen der sich wandelnden Medienbranche erfolgreich für sich nutzen wollen. Dazu gehören Unternehmen wie Lycos Europe oder auch die about books GmbH der Verlagsgruppe Geog von Holtzbrink. Darüber hinaus betreibt Leander Wattig seit 2008 sehr erfolgreich ein Blog www.leanderwattig.de. Mit seiner Präsenz u.a. im Web 2.0 hat sich Leander Wattig ein sehr gutes Renommée erarbeitet - und hat mehrere Fachartikel publizieren können und Vorträge gehalten. Mir ist Leander Wattig bei Twitter sehr positiv aufgefallen durch eine Vielzahl guter Tweets, die mich auf interessante Websites aufmerksam machten. Ich kann mir gut vorstellen, dass Leander Wattig den Buchmarkt der Zukunft sehr kräftig mitgestalten wird - noch mehr, als er das bisher schon tut. Deswegen freue ich mich sehr, Leander Wattig für ein Interview hier im ”Adventskalender” des Kulissenblog gewonnen zu haben. Lesen Sie los, Leander Wattig hat ein paar interessante Antworten parat.

 

Nach Deinem Studium „Buchhandel/Verlagswirtschaft” bist Du seit 2007 als Berater in diesem Bereich tätig. Wie sieht das Buch der Zukunft aus?

Bücher sind Zweierlei: ein physisches Objekt und ein Informationsträger. Was das physische Objekt betrifft, werden wir künftig unter anderem immer mehr sehr hochwertige und auch immer mehr stark personalisierte Ausgaben von „P-Books” sehen. Als Informationsträger werden Bücher künftig nicht mehr die Bedeutung haben, die ihnen in der Vergangenheit zukam. Schließlich gibt es dank des Medienwandels schon heute sehr viele alternative Informationsträger, die Funktionen von Büchern (teilweise) übernehmen. Letztlich ist es natürlich eine Frage der Definition, was wir künftig als Buch bezeichnen wollen. Im übertragenen Sinne könnte man aber vielleicht sagen, dass die digitalen Medien das Buch der Zukunft sind.

 

Wie bist Du überhaupt dazu gekommen, “was mit Büchern” zu machen?

Ich vermute, es liegt in den Genen. Schließlich war mein Großvater Buchhändler und so habe ich die Welt der Bücher von klein auf kennen und lieben gelernt. Später lag es dann nahe, ein Studium zu wählen, das eng mit Büchern verbunden ist.

 

Wie sollten sich Buchverlage vermarktungs-strategisch aufstellen, um sich zukünftig am Markt behaupten zu können?

Früher besaßen Buchverlage quasi ein Monopol. Es war so aufwändig, Bücher zu produzieren und zu vertreiben, dass das nur verhältnismäßig wenige Akteure tun konnten. Diese Zeiten sind aber unwiederbringlich vorbei. Dank des Internets sind Autoren und Leser so unabhängig wie nie zuvor. Doch auch künftig wird es Bedarf für Vermittler geben, die Autoren und Lesern zum Beispiel dabei helfen, zueinander zu finden. Verlage müssen sich also entsprechend so anpassen, dass sie auch künftig ihrer Vermittlungsfunktion gerecht werden können. Dabei sollte auch experimentiert werden. Doch bei vielen Verlagen vermisst man gerade Offenheit für Neues.

Du hast vor einigen Monaten das Projekt “Ich mach was mit Büchern…” initiiert. Erläutere bitte einmal, was es damit auf sich hat.

Eines Abends habe ich mich gefragt, was man unternehmen könnte, um alle jene, die Bücher lieben und mit ihnen auch beruflich zu tun haben, noch besser miteinander zu vernetzen. Dann kam ich auf die Idee, dass es doch praktisch wäre, wenn man auf jeder beliebigen Website sofort sehen könnte, dass der Betreiber „was mit Büchern macht”. Das führte zum Start der Aktion mit diesem Blog-Beitrag (http://leanderwattig.de/index.php/2009/08/17/ich-mach-was-mit-buechern-wer-noch/), in dem die Idee erklärt ist.

Inzwischen gibt es für die Aktion eine Website (http://wasmitbuechern.de) mit einem eigenen Blog, auf dem jeder die Möglichkeit hat, sich zu präsentieren, indem er mir die folgenden vier Fragen beantwortet:

1. Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern?
2. Wie verändern die digitalen Medien bzw. das Internet Ihre Arbeit?
3. Was ist ein typisches Problem bei Ihrer Arbeit, für das Sie eine Lösung suchen?
4. Wo finden wir Sie im Internet?

(Anm: Wer diese Aktion interessant findet und teilnehmen möchte, sendet seine Antworten und ein Bild von sich in seiner Bucharbeits-Umgebung bitte an leanderwattig@wasmitbuechern.de.)

Auf diese Weise soll Aufmerksamkeit auf jene gelenkt werden, die “was mit Büchern machen”. Zudem bekommen wir alle dadurch einen Einblick in die verschiedensten Bereiche der Branche und die dortigen Veränderungen und Probleme, was ich sehr spannend finde.

 

Du beschäftigst Dich intensiv mit dem Bereich Web 2.0 - Es gibt ja unzählige Social Media-Plattformen - Facebook, Twitter, Youtube, Xing. LinkedIn - wo geht diesbezüglich die Reise hin?

Ein Trend, über den ich schon 2008 in einem meiner ersten Blogbeiträge (http://leanderwattig.de/index.php/2008/10/21/trends-im-social-web/) geschrieben hatte, ist die Öffnung und Vernetzung der Social-Media-Plattformen. Unternehmen wie Facebook werden zu Dienstleistern, die unsere digitale Identität und unser digitales Kontaktnetz verwalten und überall dorthin transportieren, wo wir uns im Internet bewegen. Dieser Trend ist inzwischen so stark, dass mit Yahoo sogar eines der reichweitenstärksten Internetangebote beschlossen hat, Facebook Connect in etliche eigene Dienste zu integrieren (http://www.golem.de/0912/71607.html).

 

Was machst Du, wenn Du mal keine Verlage berätst und nicht im Web 2.0 unterwegs bist? Deine Hobbies?

Eines meiner Hobbies heißt Theodor Fontane. Seit meiner Schulzeit interessiere ich mich sehr für den Schriftsteller und seit 2003 bin ich in der Fontane-Gesellschaft aktiv, deren Fontane-Kreis in Leipzig ich 2004 mitgegründet habe. Neben dem Leben und Werk Fontanes interessiert mich das 19. Jahrhundert ganz allgemein, über das man auf diese Weise viel lernen kann.

 

Liest Du auch noch “richtige” Bücher oder nur noch eBooks?

Ich lese nach wie vor meist papierne Bücher. Die E-Reader und E-Books müssen in Vielem noch besser werden, um die Vorteile traditioneller Bücher insgesamt zu übertreffen. Doch schon heute gibt es etliche Situationen, in denen die Nutzung digitaler Bücher Vorteile hat.

 

Deine fünf Lieblingsbücher?

Aus meiner Sicht verhält es sich mit Büchern ganz ähnlich wie mit Kindern. Wenn man einzelne heraushebt, tut man anderen Unrecht. - Ein Buch, das mich in letzter Zeit beeindruckt hat, ist „Dshamilja” von Tschingis Aitmatow.

 

Wie verbringst Du Weihnachten und Sylvester?

Ganz traditionell: Zusammen mit meiner Familie und mit vielen Freunden.

 

Was wünschst Du Dir zu Weihnachten?

Tatsächlich wünsche ich mir nie etwas.

 

Was sind Deine Pläne fürs nächste Jahr?

Alles ein bisschen besser zu machen … :)

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Übrigens: Nach dem Interview ist vor dem Interview, und dies liegt mit Sicherheit daran, dass dieses Interview schriftlich erfolgte… Nachdem ich die wirklich inspirierenden Antworten von Leander las, kamen mir neue Fragen, zum Beispiel:

  • Wenn Du Theodor Fontane magst, wie findest Du dann den “Fonty” im “Weiten Feld” von Günter Grass?
  • Welche Bücher / Werke von Theodor Fontane liebst Du besonders und warum?
  • Und was hältst Du vom Amazon Kindle?

 

Wenn Du magst, Leander, kannst Du das bei Gelegenheit hier gern kommentierend posten… Ich weiß, dass Du momentan sehr eingebunden bist und will Dich deshalb nicht mit neuen Fragen bombardieren ;-).

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3 Kommentare und 1 Trackback/Pingback

  1. 1. Ilona Weirich

    Kommentar vom 5. Dezember 2009 um 10:10

    Liebe Stephanie, ich freue mich hier immer wieder neue, interessante Menschen kennen zu lernen. Und danke für Deine Arbeit, wie schaffst Du das. Hängst Du an die 24 Stunden noch die Nacht.

    In diesem Sinne, freue mich auf das 6. Türchen.

  2. 2. Catrin Figge, content-press

    Kommentar vom 5. Dezember 2009 um 21:22

    Wie schön, in diesem Interview noch etwas Neues zu finden, obwohl Leander ja schon eine ganze Weile im content-press-Team mitarbeitet…. Übrigens keineswegs nur in Sachen “Digitales”, aber das wird im Interview ja auch deutlich. Viele Grüße und einen schönen 2. Advent/Nikolaus/Sonntag!

  3. 3. Catrin Figge, content-press

    Kommentar vom 5. Dezember 2009 um 21:46

    Wie schön, hier noch etwas Neues über Leander zu finden, obwohl er ja schon länger im content-press-Team dabei ist. Übrigens nicht nur in Sachen “Digitales” - aber das wird im Interview ja auch deutlich.
    Einen schönen 2. Advent/Nikolaus/Sonntag!

  4. 4. underground hypnosis

    Trackback vom 24. Januar 2010 um 02:15

    underground hypnosis…

    Good post. You’ve just confirmed what I’ve been thinking about this….

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