Die Lobby für eine lebendige Stadt
5. September 2010 von Stephanie Ristig-Bresser | 1 Kommentar
Interview mit Erwin Schütterle, Geschäftsführer des Vereins Freundeskreis Hannover e.V.
Leider hat´s mit dem Live-Interview auf der B2D nicht geklappt, dafür hat uns Erwin Schütterle seine Antworten auf unsere Fragen per Mail zugeschickt. Wir “sprachen” über Hannover, den Freundeskreis Hannover und natürlich “sein” Kanapee. Vielen Dank an ihn und allseits viel Spaß beim Lesen!
Nach Hannover „befördert” und in der Leinemetropole geblieben - Was hat Dich als Schwabe so überzeugt und was ist für Dich an Hannover so liebenswert?
Ich habe mir Hannover nie als Wohn- und Lebensort ausgesucht, hatte aber auch keine Gründe, die gegen Hannover sprechen, weil ich Hannover gar nicht kannte. In den 60er Jahre hattee ich nur mal einen kurzen Busstopp in Hannover bei einer Hinfahrt zum Spiel HSV gegen SC Karlsruhe eingelegt. Als ich dann hier in der Altstadt kam, wurde ich sehr herzlich aufgenommen: Binnen vier Wochen war ich voll integriert und voll überzeugt. In der Altstadt war in einer Minute in fünf Kneipen, in zwei Minuten im Theater, in drei Minuten in zwei Kirchen, in vier Minuten im Museum, im Landtag, an der Leine, in fünf Minuten in der City, in zehn Minuten am Bahnhof und am Maschsee, in 20 Minuten in der Eilenriede, in 30 Minuten in Herrenhausen, in 60 Minuten im Deister, in Celle, in Hameln und in 90 Minuten in Hamburg, Berlin oder im Harz - optimalste Voraussetzungen also!
Erwin, was sind Deine Lieblingsorte in der Stadt - hast Du einen besonderen Geheimtipp für uns?
Ich persönlich liebe die Lister Meile, sie ist fast dörflich. McDonalds und Subway haben sich hier zurückgezogen, im Gegensatz zur anderen Bahnhofseite wo das Big Business regiert. Ansonsten mag ich den Ernst-August-Platz, das Foyer der Stadt mit klingendem Gulli, das Leineufer, an dem man von Innenstadt bis nach Koldingen Radeln kann, die Ricklinger Teiche, den Maschpark und den Maschsee, die Eilenriede, Herrenhausen - zu Fuß oder per Fahrrad.
Der Freundeskreis Hannover e. V., dessen Geschäfte Du seit über einem Jahr führst, ist seit Gründung zu einer Institution in der Stadt geworden. Wie ist er entstanden und welche Aufgaben hat sich der Verein gegeben?
Hört sich blöd an, ist aber so: Im Dezember 1988 wurden wir zur 750-Jahr-Feier im Jahre 1991 zwangsgegründet, danach haben für die Expo geworben und sie kulturell begleitet. Heute sind wir ein Sammelbecken, eine Bürgerinitiative, eine Lobby für eine lebendige Stadt und vor allem für die Gefühle, die Emotionen der Stadt. Unser Credo: Wir wollen unvoreingenommen informieren, anregen, loben und danken. Beispielsweise haben wir den Stadtkulturpreis, der mit 5.000 Euro dotiert ist, schon 16 mal verliehen. Wir agieren unabhängige, ohne wirtschaftliche Interessen, sind quasi das Stadtmarketing nach Innen. Wir wollen Hannoveranern Identifikationshilfe bieten.
Über die vielen eigene Veranstaltungen hinaus, wo und wie wirkt der Freundeskreis noch mit?
Er berät Initiativen, Künstler, Bürger öffnet Türen (und Herzen). Gibt Tipps und Empfehlungen. Unterstützt gemeinnützige und kulturelle Vorhaben. Ist Ansprechpartner für Politik, Verwaltung, Behörden, Ämter und Medien. Er ist Kulturwahrnehmer, Beobachter.
Obgleich gemeinnützig so muss ein Verein dennoch seine wirtschaftlichen Interessen wahren, um bestehen zu können. In der Kommunikation bedeutet das meist, bestimmte Regeln zu beachten. Kannst Du uns da einen kleinen Einblick aus der Praxis gewähren?
Es ist bei so einem kleinen Verein, der sich aus Mitgliedsbeiträgen finanziert, wie in der großen Politik: Man muss im Gespräch sein und bleiben. Man muss in den Medien und im öffentlichen Leben präsent sein - aber nicht mit Worthülsen sondern mit Qualität. Weniger ist da manchmal besser. Man muss spürbar und aus Überzeugung, lustvoll, am Stadtleben interessiert sein und mit offenem Ohr, Auge und Mund durch die Stadt gehen und nicht nur blindlings seine eigenen Interessen verfolgen. Ich glaube nur so können neue Mitglieder gewonnen werden.
Genauso lief es auch im Kanapee (Anm: Erwin führte viele Jahre die Geschäfte der Konzertstube Kanapee), das keinen Cent öffentliche Unterstützung bekam. An die 600 Kanapee-Konzertfreunde subventionierten den Laden mit einer verlässlichen jährlichen Spende. Was in diesem Zusammenhang auch für die Hannoveraner spricht. Wenn man die mit Qualität und mit Herzblut überzeugt, schließen sie dich für immer ins Herz.
In Hannover gibt es regelmäßig Diskussionen bezüglich des eigenen Images und der Außenwirkung - nicht zuletzt stehen damit ja auch finanzielle Interessen in Verbindung. Wenn es denn etwas am Image der Stadt zu verbessern gäbe, welche Ideen würdest Du dann gerne einbringen?
Man kann einem Gemeinwesen kein Image aufdrücken. Man kann lediglich in der Außendarstellung bestimmte Schwerpunkte setzen. Hannover ist wie es ist. Und das ist gut so. Momentan können wir uns nicht beklagen - man spricht nur noch von Hannover. (Düsseldorf ruft dazu auf, den „Arsch” zu bewegen um sich nicht von Hannover übertrumpfen zu lassen…) Mein Vorschlag: Die international bekannte hochdeutsche Sprachkompetenz Hannovers zu vermarkten. Hannover müsste das Nationale Zentrum zum Erlernen der deutschen Sprache werden.
Du hast wohl das erste öffentliche Wohnzimmer in Deutschland eröffnet: Das Kanapee. Dein Kultursalon ohne Tresen und Fassbier, dafür mit Wein und Büchern ist weit über die Grenzen Hannovers bekannt geworden. Warum hast Du das Kanapee nicht weitergeführt?
Ich habe in 28 Jahren 3.625 Konzerte veranstaltet und bestimmt an die 1000 Geburtstagsfeiern u.ä.. Ich war lustvoll Gastronom, Impresario, Sekretär, Buchhalter, Vereinsgeschäftsführer, Spendensammler, Grafiker, Werber, Psychiater, Moderator, Clown in einer Person. Das alles war nur zu schaffen, weil ich jeden Tag ein beglückendes Erfolgserlebnis verbuchen konnte und durch jedes Konzert zu einer ebenfalls beglückenden Zwangspause gezwungen wurde und jeden Tag zahlreiche, liebe und interessante Menschen kennenlernen konnte. Trotzdem wird man dabei aber nicht jünger - und ich spürte, dass ich immer mehr Energie allein dafür brauchte, die Batterie aufzuladen. Und so ein persönlicher Laden wie das Kanapee lebt nun mal von der Energie seines Betreibers. Glücklicherweise konnte ich das Kanapee an einen langjährigen Mitarbeiter übergeben, der es auf seine Art, aber mit der notwendigen Leidenschaft und mit der eingespielten Philosophie weiterführt. Ich konnte aufrecht mein Lebenswerk verlassen, die Kunst des Loslassens lernen …und habe im Freundeskreis eine neue reizvolle Aufgabe finden.
Kannst Du uns ein wenig aus Deiner Zeit im Kanapee berichten: Gibt es besondere Momente oder Anekdoten? Oder erinnerst Du Dich noch an Geschichten, welche Du mit Künstlern erlebt hast?
Oh Gott, darüber könnte ich ein Buch herausgeben. Deshalb nur Stichworte: Quasthoff, Satie-Nacht, Winterreise, Frivoles Programm, Mozartband, 2 Flügel (Beethoven), Ma Shouhue …
Mit dem Kanapee hast Du Hannover geprägt und bereichert. Was wünschst Du Dir für diese Stadt? Gibt es etwas, was Du vermisst?
Zugegeben und ganz unbescheiden: Ich habe eine Marke etabliert und das Kanapee zu einem kleinen aber originellen und in seiner Art einzigartigern Mosaiksteinchen im so reichen, so vielfältigen und so aktiven Kulturleben Hannovers gemacht. Ganz vorsichtig ausgedrückt wünschte ich mir sogar, weniger oder zeitlich etwas gestrecktere Festivals. Dafür Biennealen oder Triennalen. (Aber problematisch von der Organisation, Leitung). Wünsche mir aber einen ansprechenden Veranstaltungsraum, den unkommerzielle Veranstalter zu wirklich günstigen Konditionen anmieten können. So eine Art Stadttheater, Volksbühne…
Nach Hannover, welchen Städten kannst Du auch noch etwas abgewinnen?
Außer in meinem Heimatdorf Rast und meiner Jugendstadt Markdorf wohnte ich vor Hannover kurz- oder längerfristig in Konstanz, Köln, Wilhelmshaven, Oldenburg, Münster, Mainz und Dortmund. Ich fühlte mich in allen Städten wohl - alles andere ist doch Masochismus. Was aber wichtig ist: Das Wohlgefühl bekommt man nicht geschenkt. Für seine Heimat, für sein Zuhause, muss man auch etwas tun.
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1. B2D-Messe-Nachlese: Interessante Interviews und Start einer Kooperation - Kulissenblog
Pingback vom 5. September 2010 um 15:32
[...] Dafür hat er uns zunächst seine Antworten schriftlich formuliert. Das Ergebnis lesen Sie hier: Interview mit Erwin Schütterle. Versprochen: Das Live-Interview holen wir bald nach und freuen uns schon drauf [...]