DSDSL - Deutschland sucht den Superliteraten!

Jetzt ist es wieder soweit! Ab kommenden Samstag läuft ein unerbittlicher Countdown. Nach dem Prinzip “X kleine Negerlein” laufen allsamstäglich wieder so einige junge Sängerinnen und Sänger auf, in der Hoffnung, bald zum neuen worthülsigen Superstar gekürt zu werden, wohl wissend, dass man nicht von heute auf morgen zum realen Superstar wird, und dass ihre Vorgänger bis auf Herrn Medlock nur One-Hit-Wonder hervorgebracht haben. Das Ganze ist höchst kurzweilig mit anzusehen, wenn man es entweder als Komödie oder auch Tragödie betrachtet.

 

wettkampf platz konkurrenz

 

Ich habe mir einmal den Spaß gemacht und eine Show “Deutschland sucht den Superliteraten” ersponnen. Wer da wohl in der Jury sitzt, unter welchem Motto die Show wohl steht, wer wohl als Literatencoach zu Rate gezogen wird? Lesen Sie selbst…  

 

“Guuuuuten Abend, Deutschland! Herzlich Willkommen, heute Abend, im Halbfinale von Deutschlands größter Literatur-Show DSDSL „Deutschland sucht den Superliteraten”! Meine Name ist Marco Schreyl, und ich habe die Ehre, Sie durch den heutigen, wortgewaltigen Abend zu führen. Heute Abend wird es so richtig, richtig spannend. Und heute Abend wird Deutschland wieder wählen. (Anm: Sie haben richtig gelesen, das sagt der Marco Schreyl bei fast jeder Motto-Show: Deutschland wird wählen. Als ginge es um die Bundestagswahl…) Deutschland wird sich heute Abend entscheiden, wer am kommenden Samstag-Abend ins Finale einzieht, wer Deutschlands neuer Superliterat wird.

 

Wird es unser Roland, unser Romantiker, unser Herzensstreichler, der uns alle mit seinen Liebesgeschichten und -gedichten verzaubert, der unsere Herzen aufgehen lässt, der uns in eine Welt voller Zärtlichkeit entführt? Oder haben Sie Blut geleckt und sind für Horror-Hannah, die allwöchentlich das Böse heraufbeschwört und die Helden ihrer Geschichten satanische Rituale zelebrieren, einen orgiastischen Tanz der Vampire aufs Parkett legen und die Eingeweide von Hirschen zum Opfer darbringen lässt? Und dann haben wir da ja noch den Thomas, der mit seinen niedlichen Tiergeschichten und seinem sanften Dackelblick eine ganze Nation spaltet. Es gibt da die Fraktion - allen voran die Kaninchen- und Taubenzüchtervereine und die Tierbesitzer, die meinen, dass Deine Tiergeschichten, Thomas, endlich einmal den Lebewesen Gehör verschaffen, die sich selbst nicht äußern können. Und Du, unser tierischer Thomas, spaltest auch eine Jury. Aber ein gewichtiges Jurymitglied, das weißt Du total hinter Dir.

 

Und das ist jetzt eine hervorragende Möglichkeit, zu unserer Jury überzuleiten. Meine Damen und Herren, begrüßen Sie mit einem ganz herzlichen Applaus unsere herausragende DSDSL-Jury. Der, den Du uneingeschränkt hinter Dir weißt, lieber Thomas, hat selbst schon, zumindest in den Titeln seiner Werke, einige wortgewaltige Ausflüge ins Tierreich unternommen. Wir fühlen uns sehr geehrt, Nobelpreisträger Günter Grass als vorsitzendes Jurymitglied in unseren Reihen zu wissen.

 

Ausflüge in ein ganz anderes Reich hat unser zweites Jurymitglied gewagt - in das Reich unterhalb der Gürtellinie und so freuen wir uns auch heute Abend wieder auf ihre freizügigen, provokanten Kommentare. Meine Damen und Herren begrüßen Sie mit mir, die Frau dieser Dreierrunde, begrüßen Sie mit mir, Charlotte Roche.

 

Doch unserer Jury würde so einiges fehlen, wenn wir nicht noch unseren Dritten mit im Bundes hätten. „Wir dürfen jetzt nicht den Sand in den Kopf stecken” - schon so einige geflügelte Worte haben wir ihm zu verdanken. Er verfügt einfach über ein ganz besonderes Sprachgefühl. Er verleiht unserer Show eine ganz besondere Farbe. Meine Damen und Herren begrüßen Sie mit mir einen der besten Fußballer aller Zeiten und Stilblüten-Produzenten Nr. 1, begrüßen Sie mit mir, unseren Lothar Matthäus.

 

Doch jetzt will ich Sie nicht länger auf die Folter spannen. Der Mittelpunkt dieses Abends sind ja unsere Literaten. Heute Abend steht das Motto „Reim Dich oder ich fress Dir” auf dem Programm. Sind wir mal gespannt, wie das unsere drei Kandidaten umsetzen. Als erstes dürfen Sie sich wieder einmal sicherlich auf einige tierische Worte von unserem Thomas freuen. Meine Damen und Herren, empfangen Sie mit einem ganz herzlichen Applaus, Thomas Dackelblick Timesi, der jetzt gleich in wenigen Momenten sein Gedicht „Das wonnigliche Walross Wanni” vortragen wird. Doch zuvor wollen wir Ihnen nicht vorenthalten, dass Thomas in der vergangenen Woche eine ganz besondere Begegnung hatte. Diesen Tag wird er wohl nie in seinem Leben vergessen. Doch sehen Sie selbst….

 

Auf der Groß-Bildschirm wird ein Einspieler eingeblendet. Thomas Timesi sitzt in einem Helikopter und ist sichtlich nervös. Wen er wohl gleich treffen wird? Schnitt. Thomas betritt eine Hotellobby, an der Hotelbar erwartet ihn: Hellmuth Karasek!!! Thomas ringt nach Fassung, Tränen laufen ihm die Wangen herunter, hysterisch stößt er aus: “Oh mein Gott, dass ich Sie treffen darf. Ich glaube es nicht, ich träume mein Leben lang schon, dass sie eines meiner Gedicht besprechen…” Väterlich schließt Karasek den jungen Literaten in die Arme, es werden Sequenzen gezeigt, wie Karasak Thomas anleitet, jede Form der Kritik an sich abprallen zu lassen. Später treten die beiden vors Hotel, um Autogramme zu schreiben. Unzählige Mädchen haben sich versammelt, kreischen, die Rettungssanitäter sind im Dauereinsatz. Einer der Sanitäter sagt: “Wir haben gar nicht mehr so viele Tragen, so viele Mädchen sind bewusstlos geworden.” Fast ist eine Massenhysterie ausgebrochen. Die Mädchen sind außer sich. Viele tragen T-Shirts - alle mit der gleichen Aufschrift: “Karasex” (siehe PS). Wieder Schnitt. Interview-Sequenz mit Thomas nach dem Treffen mit Karasek. “Das war für mich ein großartiger Tag, den ich niemals in meinem Leben vergessen werde. Jetzt weiß ich, warum ich Superliterat werden will. Ich danke all meinen Fans für ihre bisherige Unterstützung. Aber meinen heutigen Auftritt widme ich vor allem einer Person: Hellmuth Karasek. Hellmuth, ich danke Ihnen von ganzem Herzen!”   

 

Der Einspieler ist zu Ende. Donnernder Applaus ertönt. Transparente mit Aufschriften wie „Thomas, ich will ein Tier mit Dir” werden in die Kameras gehalten. Thomas Timesi, peinlich berührt, ringt nach Fassung, räuspert sich, fasst sich ein Herz und beginnt:

 

 
Oh, Du mein wonnigliches Walross Wanni,
ich liebe Deinen feingliedrigen Körper, Honey,
lass die anderen lachen über Dich und Dein Gewicht
diese Lacher und mutmaßlichen Neider tangieren mich nicht
mein Herz sieht Dich mit liebenden Augen
die Urteile anderer dürfen einfach nichts taugen
Über Dich zu dichten ist mir ein Pläsier,
liebes Publikum, ich danke Dir!

 

Für eine kleine Ewigkeit herrscht eine berührt-bewegte Stille, dann scheint der Saal erneut zu beben. Das Publikum kann sich vor Begeisterung nicht mehr auf den Sitzen halten, minutelange Standing Ovations folgen, Teenager sinken ohnmächtig zu Boden, in den hinteren Reihen zerkratzen sich Thomas und Hannah-Fans das Gesicht.

 

 
Schließlich gelingt es der Jury die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen. Charlotte Roche ergreift als erste das Wort. Sie macht es kurz und knapp: „Alter, echt krass eh. Nur mich lässt das kalt, na ja, ich mein eigentlich eher trocken. Da muss ich wohl woanders mal Blut lecken…”, urteilt die ehemalige VIVA2-Moderatorin während sie sich zwischen ihre Lenden greift und offenkundlich ihre Vagina zu erforschen beginnt. „Menstruationsblut, wie geil, dass ich gerade meine Tage habe!”

 

Das Publikum reagiert entsetzt und angewidert. Nur schwer gelingt es Günter Grass, die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen. Majestätisch erhebt er sich, schmaucht huldvoll an seiner Pfeife. „Thomas, das war ein fantastischer Auftritt von Ihnen. Endlich, endlich scheint da zwar noch sehr schemenhaft und doch schon deutlich zu erkennen ein neuer Stern am Literatenhimmel zu erstrahlen. Endlich tritt da jemand in meine Fußstapfen, der die metaphorische Tiefe des Tierlebens in Worte zu fassen vermag. Thomas, ich rate Ihnen, um sich weiter zu vervollkommnen, lesen Sie doch meine Werke, tauchen Sie ein und erfahren Sie mehr über die Vorzüge der Windhühner, empfinden Sie Hundejahre nach oder warum Katz und Maus einander bekriegen müssen, erkennen Sie, was der Butt mit der Emanzipation oder vielmehr der Unterdrückung der Frau gemeinsam hat. Und erkennen Sie ebenfalls, warum man von Unkenrufen spricht oder herumkrebst. Thomas, Sie haben das Zeug dazu ein ganz, ganz großer Superliterat werden. Ich wünsche Ihnen alles Gute und halte Ihnen die Daumen dafür, ins Finale zu kommen.

 

Das Statement des Nobelpreisträgers wird wiederum mit frenetischem Applaus bedacht. Doch selbstbewusst gelingt es Lothar Mathäus, sich rasch durchzusetzen. „Hallo Leute, also ich sag mal, Thomas, das war echt Arbeit, wo man leistet. Und ich schließe mich Günter an, mit Deinen Geschichten zeigst Du uns - und da bediene einem bekannten Sprichwort, wie man Eulen nach München und ins DSDS-Finale trägt.”

 

Das war unser kleiner Ausflug in die DSDSL-Welt. Freuen Sie sich mit mir auf den kommenden Samstag-Abend, wenn wir wieder die Wahl haben…

 

PS: “Karasex” ist eine Wortschöpfung von Robert Griesbeck, damiliger Chefredakteur des Penthouse.

 

Foto: © gradt - Fotolia.com

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2 Kommentare

  1. 1. Michael

    Kommentar vom 8. Februar 2010 um 11:33

    Köstlich :-)

  2. 2. Nicole

    Kommentar vom 11. Februar 2010 um 17:12

    Der Preis geht natürlich an Steffi ;-)

    Aber wenn ich wählen müsste, wäre es wohl dann doch unsere Horror-Hannah… Wo kann ich anrufen? ;)

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