Die Kummer-Nummer: Der die Stars neu erfand.
1. Januar 2010 von Stephanie Ristig-Bresser | 1 Kommentar
Tom Kummer: “Blow Up”
Neulich war „Robbie-Williams-Day”. Irgendein TV-Sender - war es Pro7? - brachte anlässlich des neuen Albums „Reality killed the Videostar” ein Special über ihn - groß angekündigt mit: „Sie lernen den echten Robbie von einer völlig neuen Seite kennen.” Als echter Robbie-Fan musste ich mir das natürlich ansehen. Und habe nach einer Viertelstunde wieder abgestellt, weil mir offensichtlich nur ein dumpfes Abziehbild von einem Robbie Williams geliefert wurde.
Journalismus kann sehr langweilig sein, wenn da bewusst nur Hülle und Kunstfigur ist - und nicht mal eine interessante, wie zum Beispiel Madonna mit jedem neuen Album eine neue Madonna schafft. Da wird Journalist schon mal zum Paparazzi und Aasgeier und schluckt jeden Fetzen angebliche Echtheit, der zu kriegen ist. Das ist pervers legitim. Gala, Bunte, Yellow-Press-Style.
Es gibt aber auch andere Wege. Zum Beispiel im Philosophisch-Literarisch-Spekulativen finden, welche Sehnsüchte ein Star repräsentieren könnte. Dieser Weg ist sicher der Elegantere, Feinere. Und liefert vielleicht mehr Wahrheit und Tiefe, als ein Paparazzi-Foto jemals abbilden könnte. Tom Kummer hat diesen Weg gewählt - leider indem er seine Interpretationen in eine vermeintlich faktische Interviewhülle gepackt hat. Das geht natürlich nicht, und das hat ihn in den Journalistentod getrieben: „Faked Interviews killed the Journalist”.
Heute schreibt Tom Kummer über Knut, den Eisbären, weil Eisbären ja auch richtige Interviews geben können. Das finde ich sehr schade. Ich würde gern mal wieder eine Kummer-Nummer lesen. Weil sie echter ist als jedes wirkliche Star-Interview, weil kein Star niemals wirklich echt ist.
„Blow up” ist Tom Kummers Version seiner Journalistenzeit in den 90er Jahren, als er in Los Angeles u. a. für die Magazine der Süddeutschen Zeitung und des Zürcher Tagesanzeigers diverse Hollywood-Größen interviewt hat - aber eben eigentlich doch nicht. Es ist herausragend geschrieben - und deswegen absolut lesenswert, ganz egal wie wirklich es ist. Echt jetzt.
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