Der Absturz

Nicht zum Vorzeigen bin ich, meine Damen und Herren, sondern eine Vorstadtliteratin; sie wissen schon: „Wenn Frauen zu sehr schreiben”…hängt ein Text an der Wand und gibt jedem die Hand: Gestatten, word-aholic… 

Nun ja, ganz so unbekannt bin ich schließlich auch nicht mehr-1992 war ich immerhin Kälte-Schreiberin einer großen, deutschen Gefrierkette, kennen Sie vielleicht, mein Gedicht: “Weißes Eis von Schöller, wir lutschen dich morgens, wir lutschen dich abends, wir lutschen…”

abgestürzt

 

Das eiste ein, das Teil- und danach durfte ich dann ja auch beim Badenstedter Literatur-Zirkus “Worten macht frei” mitdichten. Das Thema war auch frei. Es sollte aber ein zeitgenössisches Gedicht sein. Mein zeitgenössisches Gedicht war recht kurz, und ich habe es Ulla Hahn und Rainer Maria Rilke gewidmet. Es lautete:

es kämmt
es kömmt
es kömmt die
trepp hoch

augenlidschlag ab
gefallen
dieses gedicht ist
verschlüsselt

 

Trotzdem kam ich nicht so recht weiter mit der Karriere.
Aber- nun ist es passiert. Denn der Flieger mit den drei Auserwählten für den bundesdeutschen AutorInnenwettbewerb in unserer Gernegroßstadt, der ist nämlich abgestürzt. Und -tot sind sie -alle tot!
Da hat mich wer angerufen. Ob ich da mitlesen will.
Bei dem Wettbewerb.
Muss ich mich ausziehn, fragte ich. Ist ja der letzte Schrei heutzutage, naked Lyrik.
Nein, beruhigte mich die nette Dame am Telefon, das müsse ich nicht, ich müsse auch gar nix zubezahlen.
Bin ich ja schon mal mit reingelegt worden, literarische Butterfahrt sozusagen, habe ich auf einem Schiff, das “Der Ausdrucksdampfer” hieß, aus meinem unveröffentlichten Roman “Martin, oder der Nassmann” gelesen.
Dafür sollte ich dann dreimal Lyrik in Dosen und eine Wort-Wärme-Decke kaufen mit integriertem Poesie-Schalter. Wenn man den drückte, sagte die Decke 5-7-5-.
Dann kamen so Haikus und Tankas.

 

Nein, sagte die Dame wieder, ich müsse auch nichts kaufen, ich würde sogar Gage kriegen. Gage! Fast fiel ich um. Jahrelang lese ich nun für nichts und fast wieder nichts (meine Autorinnen-Nummer, falls Sie mich buchen wollen ist 0815 90 60 90) und nun das. Ich sagte zu und sollte dann am nächsten Tag vor Ort sein mit Texten von sieben Minuten Lesedauer, bitte.

 
Dann rief ich meine Mutter an, meine Schwester und Günter, meinen Ex (damit er mal merkte, von wem er sich da getrennt hat) und meinen Verleger. Der weinte erst ein wenig, wegen der toten Kollegen, und weil man ihn nicht ausgesucht hatte. Zum Trost versprach ich ihm, seinen Namen als meinen Entdecker zu nennen, falls das Fernsehen käme.

 
Was dann kam, war der nächste Tag, Zimmer zwei, wir waren drei und die Jury bestand aus Linguisten, Atheisten, Dentisten, dem diesjährigen Knastschreiber, einem der Klo-Lyrik macht “Mein Arsch schreibt mit” sowie einer schreibenden, spastisch gelähmten Nonne. Die macht vor allem göttliche Sch-sch-schüttelreime.

 
Nachdem wir alle gelesen hatten -ich las aus meinem Gedichtband “zittergras” sowie meine Gebrauchslyrik “Billy 1″ und “Billy 2″ (für Ikea) -entschied die Jury, wir seien alle drei gleich gut und müssten uns daher einer spontanen, literarischen Kompetenzprüfung unterwerfen. Man würde uns den Namen eines bekannten Literaten/einer bekannten Literatin nennen. Spontan sollten wir sagen, was uns dazu einfiele.

 
Wir hängten uns an die Lippen der Jury. “Ingeborg Bachmann” las eine der Germanisten von einem Zettel ab. Da fing die eine Autorin gleich an zu weinen. Ob die Ingeborg auch mit abgestürzt sei. Der andere Kollege lachte hohn und rief: “Mensch, die ist doch schon tot.”

 

Nun war die Reihe an mir. Noch nie war ich so wertvoll wie heute. Und da tat ich es. Ich zog die Mundwinkel runter wie meine Omma nach dem dritten Schlaganfall und akzentuierte verächtlich: “Bachmann-Flachmann!”
Ich machte das Rennen. Vor der zehnköpfigen Jury und ein bisschen Publikum durfte ich noch aus aus meiner “Schwachnovelle” lesen.
Zur Zeit arbeite ich an einem Theaterstück. Dieses handelt von zwei singenden, siamesischen Zwillingen namens Hosa und Yvett, welche sich eine Brust und einen Zyklus teilen müssen. Weil sie das aber nicht mehr wollen, heißt das Drama auch:”Getrenntes Blut”.” Sie sehen, ich mache mich, ich werde immer besser, ich werde nicht abstürzen, ich nicht!

 
„Der Absturz” und andere satirische Kurzgeschichten findet man auf der Hör-CD „Promenadenmischung: auf den Slam gekommen”, periplantea, Berlin 2009 ( Zwei CDs mit Lesebühnenliteratur der Extraklasse, gelesen von Frauke Baldrich-Brümmer)

 

© Mellimage - Fotolia.com

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  1. 1. Neue Formen findet Frauke - Kulissenblog

    Pingback vom 30. April 2010 um 08:30

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